Nächte

Gertrud Kolmar

unknown

Deine Hände keimen in Finsternissen, Und ich seh nicht, wie sie blühn, Atmend aus dem Schnee der Kissen. Meeresgrün,

Wogengrau verglitzern deine Augen; Meine Wange leckt ihr Schaum. Nelkenrote Quallen saugen… Süßes Harz von weißem Birkenbaum

Tropft die Stille goldbraun nieder… O breiter Flügel, zuckender Schulter entstiegen! O bleicher Schwanenflügel, der mich beschattet! O Nacken, flaumige Brust, o Leib, den ein Wiegen Verschilfter Bucht umschläfert, zärtlich ermattet!

Libellensirrendes Wispern…

Komm.

Du hast meinem Munde die reife Granatfrucht geschenkt, Des Apfels starken Saft, erzeugende Kerne, Hast in die Himmelsgründe kristallen wachsender Sterne Wurzeln des Rebstocks versenkt.

Blau schwellen Trauben: koste.

Siehe, ich bin ein Garten, den du gen Abend erreicht, Fiebrige Arme an schlanker silberner Pforte zu kühlen, Im verstummten Geäst Aprikose zu fühlen, Bin unterm südlichen Hauch, der die Ruhende streicht,

Eine schmale, blasse Wiese.

Erschauerndes Gräsergefilde, lieg ich bereit und bloß; Mitternachtsglut schloß mir Lippen bebender Winde zu, Doch die verborgenste Blüte öffnet den purpurnen Schoß: Du.

Du… komm…

Spüre, ich bin die Frau; meine klugen Finger erfüllen Milchiges Porzellan mit Gewürzen der Lust, Gießen zaubrisches Naß. Du spreitest aus Hüllen Schlagenden Fittich, taumelst an meine Brust,

Sinkst, ein großes, lastendes Glück, in Tiefen.

Sanfter nun trägt dich die Flut, streichelt lässig die Flanken Wuchtendem Schiffe, das drüben im Hafen war Mit ragenden Schornsteintürmen, Masten hoher Gedanken; Fühlst du die Möwe wehn dir durch rauchig wirbelndes Haar?

“Manhattan”… “New York”… “City of Baltimore”… bleibe!

Aus Morgen ballt sich mählich graue Nebelhelle, Nieselt dich schleichend fort Meinem Schimmerspiegel, meiner armen Welle - Letzter Blick, o letztes Wort!

O, ich ahne euch, da ferne Scharen Wilder Enten klagend schrein… Meine Muschelkrone stürzt aus dunklen Haaren - Schlummre du… ach, schlummre ein. Und laß mich weinen…

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Illustration zu Nächte

Interpretation

Das Gedicht "Nächte" von Gertrud Kolmar ist eine sinnliche und bilderreiche Darstellung einer nächtlichen Begegnung. Die Autorin verwendet eine Vielzahl von Metaphern und Vergleichen, um die Intensität und die Emotionen dieser Erfahrung zu vermitteln. Die Nacht wird als eine Art Garten oder Landschaft dargestellt, in der sich die Liebenden begegnen und ihre Leidenschaft ausleben. Kolmar nutzt die Natur als Symbol für die menschliche Sexualität und das Begehren. Die "reife Granatfrucht" und der "Apfels starke Saft" stehen für die Fruchtbarkeit und die erzeugenden Kräfte des Mannes, während die Frau als "Garten" beschrieben wird, der am Abend erreicht wird. Die "fiebrigen Arme" und die "schlanke silberne Pforte" symbolisieren die Sehnsucht und die Einladung zur Intimität. Die letzten Strophen des Gedichts beschreiben den Abschied und die Sehnsucht nach dem Geliebten. Die "graue Nebelhelle" des Morgens symbolisiert das Ende der Nacht und die Trennung der Liebenden. Die "Muschelkrone" der Frau stürzt aus den "dunklen Haaren", was auf eine Art von Erschöpfung oder Auflösung hindeutet. Der letzte Appell "Laß mich weinen" drückt die Traurigkeit und das Verlangen nach dem Geliebten aus, der gehen muss.

Schlüsselwörter

brust komm hast schlummre hände keimen finsternissen seh

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
"Manhattan"... "New York"... "City of Baltimore"... bleibe!
Metapher
Und laß mich weinen
Personifikation
Atmend aus dem Schnee der Kissen
Vergleich
Meeresgrün, Wogengrau verglitzern deine Augen