Nadowessiers Totenlied

Friedrich von Schiller

1805

Seht, da sitzt er auf der Matte, Aufrecht sitzt er da, Mit dem Anstand, den er hatte, Als er′s Licht noch sah.

Doch wo ist die Kraft der Fäuste, Wo des Athems Hauch, Der noch jüngst zum großen Geiste Blies der Pfeife Rauch?

Wo die Augen, falkenhelle, Die des Renntiers Spur Zählten auf des Grafes Welle, Auf dem Tau der Flur?

Diese Schenkel, die behender Flohen durch den Schnee, Als der Hirsch, der Zwanzigender, Als des Berges Reh?

Diese Arme, die den Bogen Spannten streng und straff? Seht, das Leben ist entflogen! Seht, sie hängen schlaff!

Wohl ihm, er ist hingegangen, Wo kein Schnee mehr ist, Wo mit Mais die Felder prangen, Der von selber sprießt;

Wo mit Vögeln alle Sträuche, Wo der Wald mit Wild, Wo mit Fischen alle Teiche Lustig sind gefüllt.

Mit den Geistern speist er droben, Ließ uns hier allein, Dass wir seine Taten loben Und ihn scharren ein.

Bringet her die letzten Gaben, Stimmt die Totenklag′! Alles sei mit ihm begraben, Was ihn freuen mag.

Legt ihm unters Haupt die Beile, Die er tapfer schwang, Auch des Bären fette Keule, Denn der Weg ist lang;

Auch das Messer scharf geschliffen, Das vom Feindeskopf Rasch mit drei geschickten Griffen Schälte Haut und Schopf;

Farben auch, den Leib zu malen, Steckt ihm in die Hand, Dass er rötlich möge strahlen In der Seelen Land.

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Illustration zu Nadowessiers Totenlied

Interpretation

Das Gedicht "Nadowessiers Totenlied" von Friedrich von Schiller beschreibt die Totenfeier eines tapferen Kriegers des Nadowessi-Stammes. Es beginnt mit der Beschreibung des Toten, der aufrecht auf seiner Matte sitzt, aber seine einstige Stärke und Lebenskraft verloren hat. Der Dichter erinnert an die Fähigkeiten des Kriegers, wie seine schnellen Beine, seine starken Arme und seine scharfen Augen, die nun alle erloschen sind. Das Gedicht wechselt dann zu einer Beschreibung des Jenseits, in das der Krieger gegangen ist. Es ist ein Ort ohne Schnee, wo die Felder von selbst Mais tragen und die Wälder und Flüsse von Tieren und Fischen wimmeln. Der Krieger speist nun mit den Geistern und hat seine irdischen Aufgaben hinter sich gelassen. Die Hinterbliebenen sind aufgefordert, seine Taten zu loben und ihn zu begraben. Im letzten Teil des Gedichts werden die Gegenstände aufgelistet, die dem Krieger ins Grab gelegt werden sollen. Dazu gehören seine Beile, die Bärenkeule, das Messer und die Farben zum Bemalen seines Körpers. Diese Gegenstände sollen ihm auf seiner Reise ins Jenseits nützlich sein und ihm ein strahlendes Aussehen verleihen. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, die Totenklage zu stimmen und alles, was den Krieger erfreute, mit ihm zu begraben.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Stimmt die Totenklag'
Bildsprache
Seht, da sitzt er auf der Matte
Hyperbel
Als der Hirsch, der Zwanzigender
Metapher
Wo mit Mais die Felder prangen, Der von selber sprießt
Personifikation
Seht, das Leben ist entflogen
Symbolik
Die er tapfer schwang
Vergleich
Wo der Wald mit Wild