Nachtzauber

Joseph von Eichendorff

1857

Hörst du nicht die Quellen gehen Zwischen Stein und Blumen weit Nach den stillen Waldesseen, Wo die Marmorbilder stehen In der schönen Einsamkeit? Von den Bergen sacht hernieder, Weckend die uralten Lieder, Steigt die wunderbare Nacht, Und die Gründe glänzen wieder, Wie dus oft im Traum gedacht.

Kennst die Blume du, entsprossen In dem mondbeglänzten Grund? Aus der Knospe, halb erschlossen, Junge Glieder blühend sprossen, Weiße Arme, roter Mund, Und die Nachtigallen schlagen, Und rings hebt es an zu klagen, Ach, vor Liebe todeswund, Von versunknen schönen Tagen - Komm, o komm zum stillen Grund!

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Illustration zu Nachtzauber

Interpretation

Das Gedicht "Nachtzauber" von Joseph von Eichendorff beschreibt eine mystische nächtliche Szenerie, die von natürlicher Schönheit und romantischer Sehnsucht durchdrungen ist. Die erste Strophe führt den Leser in eine idyllische Waldlandschaft, in der sanfte Quellen zwischen Steinen und Blumen fließen und zu stillen Waldseen führen. Diese Seen sind von Marmorbildern umgeben, die in der "schönen Einsamkeit" stehen. Die Nacht steigt langsam von den Bergen herab und weckt uralte Lieder, während die Gründe im Mondlicht erstrahlen, wie man es sich oft im Traum vorgestellt hat. In der zweiten Strophe wird eine geheimnisvolle Blume eingeführt, die in einem mondbeglänzten Grund entsprossen ist. Ihre Knospe öffnet sich, und aus ihr sprießen junge Glieder, weiße Arme und ein roter Mund. Die Anwesenheit der Nachtigallen und das Klagen, das ringsherum ertönt, verstärken die romantische und melancholische Atmosphäre des Gedichts. Die Erwähnung der "versunkenen schönen Tage" deutet auf eine Sehnsucht nach vergangener Zeit und unerfüllter Liebe hin. Das Gedicht endet mit einer Aufforderung, zum "stillen Grund" zu kommen, was als Einladung interpretiert werden kann, sich in die Welt der Träume und der romantischen Sehnsucht zu begeben. Eichendorff nutzt die Natur als Spiegel der menschlichen Gefühle und schafft eine Brücke zwischen der äußeren Welt und der inneren emotionalen Landschaft. Die Verbindung von Naturschönheit, Nacht und Sehnsucht ist typisch für die romantische Dichtung und vermittelt eine tiefe emotionale Resonanz.

Schlüsselwörter

stillen schönen grund komm hörst quellen gehen zwischen

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Stilmittel

Alliteration
Hörst du nicht die Quellen gehen
Anapher
Und die Nachtigallen schlagen, Und rings hebt es an zu klagen
Appell
Komm, o komm zum stillen Grund
Bildsprache
In der schönen Einsamkeit
Hyperbel
Und die Gründe glänzen wieder
Kontrast
Weiße Arme, roter Mund
Metapher
Weckend die uralten Lieder
Personifikation
Wo die Marmorbilder stehen
Symbolik
Mondbeglänzten Grund