Nachtseite des Lebens
1790Sehnsücht’ge Hoffnung, wende dich zurück, Was suchst du noch im hohlen Schaum der Tage? Willst du erspähen das verschwundne Glück? – ’s war eines längst verschlungnen Zaubers Sage. –
Was rosig einst das Leben ausgebreitet, Zerflossen ist’s wie Nebel vor dem Blick; Ist alles denn so schnell, so schnell entgleitet, Blieb von dem bunten Schmelze nichts zurück? –
Den Kranz des Ruhmes sah ich aufgehangen, Ein Gluthstrom wogte schwellend in der Brust – Auf dieses Haupt ihn würdig zu empfangen: O, meiner trunknen Seele höchste Lust! –
Ist er verblüht? – Die ungestüme Welle, Ist sie versiegt? Erlosch das Flammenmeer? – Ja, es erlosch! und die geweihte Stelle Gleicht einer Brandstatt, öde, schwarz und leer.
Die Liebe winkte mir in ihre Haine: – Ein Wollustlächeln schwamm um die Natur; Die Brunnen sprachen und des Felsens Steine, Und tausend Leben webten in der Flur.
Weit war das Herz und wie der Aar der Lüfte Flog meine Seel’ in alle Himmel auf; Die Sprache ward Gesang, und Farben, Düfte, Und Klänge zogen zauberisch herauf.
Da hebt sich der Orkan! – Die Bäume fallen Entwurzelt hin; die Nachtigall entflieht; Die letzten Töne ihres Hymnus schallen, Der süße Mund verstummt, es schweigt ihr Lied.
Und wo des Lebens frische Adern sprangen, Da stirbt der Laut, da brütet todte Nacht. – Wo ist das Zauberreich, das mich umfangen? Es ist dahin! – Der Sturm hat es zerkracht!
So floht ihr treulos hin, ihr süßen Träume, Ihr Ideale, die mein Herz gebar; Des Lebens Blüthen starben schon im Keime; An einem Abgrund steh’ ich, bang und starr!
Und schwindelnd irrt der Blick in öden Gründen, Was zagst du, Herz? hinüber muß der Fuß! Kannst du die Brücke nicht, den Steg nicht finden, Stürz’ dich hinab! – Nacht deckt den Tartarus! –
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Interpretation
Das Gedicht "Nachtseite des Lebens" von Joseph Christian von Zedlitz thematisiert den Verlust der jugendlichen Träume und die Enttäuschung über das Erwachsenwerden. Der Sprecher blickt auf sein Leben zurück und erkennt, dass die einst rosigen Aussichten wie Nebel verflüchtigt sind. Ruhm und Liebe, die einst lockten, sind verblasst und die magische Welt der Jugend zerbrochen. Er steht nun an einem Abgrund, bange und erstarrt, und blickt in öde Tiefen. Der Sprecher durchlebt eine tiefe Krise, da die Ideale, die einst sein Herz erfüllten, ihn im Stich gelassen haben. Die süßen Träume sind untreu davongeflogen und die Blüten des Lebens sind im Keim erstickt. Er fühlt sich verloren und allein, ohne Halt und Perspektive. Die einst so lebendige und farbenfrohe Welt ist nun zu einer düsteren und leblosen Einöde geworden. Am Ende des Gedichts scheint der Sprecher jedoch einen Funken Hoffnung zu finden. Auch wenn er die Brücke oder den Steg nicht finden kann, um über den Abgrund zu gelangen, so kann er sich doch in die Tiefe stürzen. Die Nacht, die den Tartarus bedeckt, mag zwar dunkel und ungewiss sein, aber sie bietet auch die Möglichkeit, einen Neuanfang zu wagen. Der Sprecher scheint bereit zu sein, das Risiko einzugehen und sich auf das Unbekannte einzulassen, um aus der Krise herauszufinden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Nacht deckt den Tartarus
- Personifikation
- Die Liebe winkte mir in ihre Haine
- Vergleich
- Zerflossen ist's wie Nebel vor dem Blick