Nachts
1863Die dunkle Nacht hüllt Berg und Tal, Ringsum die tiefste Stille; Die Sterne zittern allzumal In ihrer Wolkenhülle; Der Mond mit seinem roten Schein Blickt in den finstern Bach hinein, Der sich durch Binsen windet.
Ich schreite in die Nacht hinaus, Entgegen jenem Schimmer, Der aus dem forstverlornen Haus Sich stiehlt mit schwachem Flimmer. Jetzt lischt′s mit einmal aus, das Licht, Ich seh es, doch mich kümmert′s nicht; Je dunkler, um so besser.
Du glaubst, zum Liebchen schleich ich mich? Die könnt′ ich näher haben: Nach jenem Kirchhof weis ich dich, Dort liegt sie längst begraben. Dies aber ist das kleine Haus, Da ging sie ehmals ein und aus In seligen süßen Stunden.
Nun tut′s mir wohl, den Weg zu gehn, Wo ich mich oft entzückte, Das kleine Fenster anzusehn, Wo ich sie sonst erblickte; Die Bank zu grüßen, wo sie saß, Den Busch, von dem sie Beeren las, Die Blumen, die sie noch pflanzte.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Nachts" von Friedrich Hebbel schildert eine nächtliche Wanderung durch eine stille, dunkle Landschaft, die von einer tiefen Trauer und Sehnsucht durchdrungen ist. Die Natur wird in den ersten Strophen als ruhig und geheimnisvoll beschrieben, wobei die Dunkelheit und die Sterne eine melancholische Stimmung erzeugen. Der Mond wirft sein rotes Licht auf einen Bach, der sich durch Binsen windet, was die Idee einer Reise ins Unbekannte verstärkt. Der Sprecher des Gedichts verlässt die Nacht und bewegt sich auf ein verlorenes, verlassenes Haus zu, dessen schwaches Licht plötzlich erlischt. Dieses erlöschende Licht symbolisiert möglicherweise das Ende einer Hoffnung oder das Verlöschen einer Erinnerung. Doch der Sprecher zeigt sich unbeeindruckt von diesem Verlust und findet sogar Trost in der zunehmenden Dunkelheit, was auf eine tiefe emotionale Bindung an die Vergangenheit hindeutet. In den folgenden Strophen offenbart sich, dass die Reise des Sprechers nicht zu einer lebendigen Geliebten, sondern zu einem Friedhof führt, wo seine Geliebte begraben liegt. Das kleine Haus, das er ansteuert, war einst der Ort ihrer gemeinsamen glücklichen Momente. Die Reise wird somit zu einer Pilgerfahrt in die Erinnerung, bei der der Sprecher Trost darin findet, die Orte aufzusuchen, die einst von seiner Geliebten belebt wurden. Die Bank, der Busch, die Blumen – allesamt Orte, an denen sie einst verweilte – werden zu Symbolen einer unendlichen Liebe und Trauer, die über den Tod hinaus bestehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Blickt in den finstern Bach hinein
- Hyperbel
- Je dunkler, um so besser
- Metapher
- Die Blumen, die sie noch pflanzte
- Personifikation
- Der sich durch Binsen windet