Nachtphantasien
1871Ich sah mich in Träumen der Mitternacht Verlassen und verachtet! Des Auges milde Glut und Pracht, Das liebend einst über mir gewacht, Ich sah es von Haß umnachtet!
Mir malte der irre Gedankenflug Gestalten bleich und trübe! Ich sah einen finstern Leichenzug; Die Leiche, die man vorübertrug, War uns′re gestorbene Liebe.
Entflieh′, du gespenstische Mitternacht! Entflieht, ihr blassen Gestalten! Bis der selige, fröhliche Tag erwacht, Bis Leben und Liebe mit frischer Macht Mich jauchzend umschlungen halten.
Wie liebt′ ich die schöne, heilige Nacht, Wenn die bösen Träume nicht wären! Unheimlicher Geister wilde Jagd Verfolgt mich, bis ich, vom Schlaf erwacht, Mich bade in heißen Zähren.
Ich fühl′ mich allein in der weiten Welt; Was ich liebe, ist fremd und ferne! Da scheint mir der Mond am Himmelszelt Ein spähender Lauscher hingestellt, Und Spione die ewigen Sterne!
Ich liebe die Nacht; ich liebe die Nacht! Doch nicht die einsame, trübe! Nein, die aus seligen Augen lacht, In flammender Pracht, in Zaubermacht, Die heilige Nacht der Liebe.
Es mahne der Tod mich, der finst′re, bleiche, An das Leben, das lichte, das reiche, An den heitern Genius der Welt! D′rum hab′ ich ein knöchern Beingerippe, Mit Crucifix und drohender Hippe, In meiner Zelle aufgestellt.
Fest schau′ ich es an bei Mondenscheine, Wenn ich in verzweifeltem Schmerze weine, Ein kämpfendes Kind der kämpfenden Zeit! Dann tauml′ ich empor in wildem Entzücken, Das Leben noch einmal an′s Herz zu drücken, Bevor es vernichtendem Tode geweiht!
Ja, kühlen in frischen Lebensfluthen Will ich der lodernden Seele Gluten! Ich will vor Sünde und Kreuz bewahrt, Stark durch des eigenen Geistes Ringen, Mich aus Fesseln und Banden schwingen Auf zu begeisterter Himmelfahrt!
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Interpretation
Das Gedicht "Nachtphantasien" von Louise Franziska Aston thematisiert die ambivalente Beziehung der lyrischen Ich-Figur zur Nacht. Die Nacht wird einerseits als Ort der Einsamkeit, des Schmerzes und der Albträume erlebt, andererseits aber auch als heiliger Ort der Liebe und des Lebens. Die Sprecherin sehnt sich nach einer erfüllten, liebevollen Nacht, in der sie sich geborgen und verbunden fühlt. Die Gedichtstruktur spiegelt diese innere Zerrissenheit wider. Die Verse wechseln zwischen düsteren, verzweifelten Passagen und lichteren, hoffnungsvollen Tönen. So heißt es zu Beginn "Ich sah mich in Träumen der Mitternacht verlassen und verachtet", später aber auch "Ich liebe die Nacht; ich liebe die Nacht! Doch nicht die einsame, trübe!". Die Nacht wird als Ort der Einsamkeit und des Schmerzes erlebt, aber auch als heiliger Ort der Liebe und des Lebens. Ein zentrales Motiv ist der Kampf gegen den Tod und die Vergänglichkeit. Die Sprecherin stellt sich dem "finsteren, bleichen" Tod entgegen, indem sie sich ein "knöchern Beingerippe" in ihre Zelle stellt. Dies symbolisiert ihren Willen, dem Leben und der Liebe noch einmal mit aller Kraft zu begegnen, "bevor es vernichtendem Tode geweiht". Das Gedicht endet mit dem Aufbruch zu einer "begeisterten Himmelfahrt", die den Sieg des Lebens über den Tod und die Dunkelheit der Nacht bedeutet.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Ich will vor Sünde und Kreuz bewahrt, Stark durch des eigenen Geistes Ringen, Mich aus Fesseln und Banden schwingen Auf zu begeisterter Himmelfahrt!
- Personifikation
- Unheimlicher Geister wilde Jagd Verfolgt mich, bis ich, vom Schlaf erwacht, Mich bade in heißen Zähren.