Nachtklage

Gustav Benjamin Schwab

1821

Ein holder Jüngling, sagen uns die Alten, Erscheint allnächtlich an der Ruhestätte, Er neigt sich sinnbethörend übers Bette, Still weiß er mit des Mohnes Kraft zu walten.

Das ist der Schlaf, er glättet alle Falten, Zerreißt des Lebens ew′ge Bilderkette, Und, dass er von des Tags Getrieb′ uns rette, Führt er den Reigen süßer Traumgestalten.

Ich sah ihn lange nicht, es naht statt seiner Ein ander Bild mir schon seit vielen Nächten, Ein holdes Mägdlein ist es anzusehen.

Doch nicht erbarmt es, wie der Schlaf, sich meiner, Und, lächelt′s gleich aus dunkeln Lockenflechten, In Angst und Liebesschmerz muss ich vergehen.

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Illustration zu Nachtklage

Interpretation

Das Gedicht "Nachtklage" von Gustav Benjamin Schwab handelt von der Sehnsucht nach erholsamem Schlaf und der Enttäuschung über dessen Abwesenheit. Der Sprecher beschreibt den Schlaf als einen "holden Jüngling", der einst allnächtlich erschien und mit seiner sanften Kraft die Sorgen und Falten des Lebens glättete. Der Schlaf wird als befreiende Kraft dargestellt, die die Kette der Lebensbilder zerreißt und den Reigen süßer Traumgestalten führt, um den Menschen vom Tagesgetriebe zu erlösen. Doch seit einiger Zeit hat der Sprecher den Schlaf nicht mehr gesehen. An seine Stelle tritt ein anderes Bild, ein "holdes Mägdlein", das dem Sprecher in vielen Nächten erscheint. Obwohl das Mädchen auf den ersten Blick anziehend wirkt, zeigt es keine Barmherzigkeit gegenüber dem Sprecher. Es lächelt zwar aus dunklen Lockenflechten, doch der Sprecher muss in Angst und Liebesschmerz vergehen. Das Gedicht drückt die tiefe Sehnsucht nach erholsamem Schlaf und die Frustration über dessen Abwesenheit aus. Der Schlaf wird als eine Art Retterfigur dargestellt, die den Sprecher von den Sorgen und dem Stress des Alltags befreien könnte. Die Erscheinung des Mädchens hingegen symbolisiert die unruhigen, von Angst und Schmerz geprägten Nächte, die der Sprecher stattdessen erlebt. Das Gedicht vermittelt eine melancholische Stimmung und spiegelt die universelle menschliche Erfahrung von Schlaflosigkeit und unruhigen Nächten wider.

Schlüsselwörter

schlaf holder jüngling sagen alten erscheint allnächtlich ruhestätte

Wortwolke

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Stilmittel

Ironie
Doch nicht erbarmt es, wie der Schlaf, sich meiner
Kontrast
Und, lächelt′s gleich aus dunkeln Lockenflechten, In Angst und Liebesschmerz muss ich vergehen
Metapher
Ein holdes Mägdlein ist es anzusehen
Personifikation
Er neigt sich sinnbethörend übers Bette, Still weiß er mit des Mohnes Kraft zu walten