Nachtidyll
1948Gern von meinem Fenster schau ich Träumend in die schönen Nächte, Wenn Selenes Silbernadeln Emsig stickend, leis erklingen,
Auf den breiten, blauen Vorhang Schwarz als Silhouetten stickend Dort das eingeschlafne Nußholz, Dort die lichtgefüllten Häuschen.
Fühle vor der feinen Arbeit Immer mich als wie vor Wundern Und die flügelmüde Seele Läßt sich still zur Ruhe nieder.
Wenn es Wahrheit, daß dem Dichter Es vergönnt, in solchen Stunden Auch verschwiegne Sprach zu hören Und im Innern mitzufühlen…
Auf der roten Backsteinmauer, (Sie behütet Blumenkinder,) Fand ich gestern abend zweie, Die das gleiche Rätsel lockte:
Blitzeweiß ein Katzenpärchen, Weiß vom Schwanz bis zu der Ohrspitz, Das miauend bald zum Dorfe, Bald erstaunt zur Höhe blickte.
Eine ganze Zeit lang währt so Mit Vergleich es, Köpfe schüttelnd, Bis zuletzt im Meinungsaustausch Eris beid′ von hinnen scheuchte.
Daß der Himmel nur ein Spiegel, Und die kleinen Sterne droben Rückgestrahlte Lampenflämmchen, Wie sie viel auf Erden glühen,
Darin war man ja wohl einig. Aber wo im ganzen Umkreis Brannte ein so großes Feuer, Wie es dieser Mond verlangte?
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Interpretation
Das Gedicht "Nachtidyll" von Hugo Ball beschreibt eine nächtliche Szenerie, in der der lyrische Ich von seinem Fenster aus in die Schönheit der Nacht schaut. Der Mond wird als stickende Selene dargestellt, die mit ihren "Silbernadeln" auf den blauen Vorhang des Himmels Silhouetten von Bäumen und Häusern stickt. Der Anblick versetzt den Betrachter in Staunen und lässt seine Seele zur Ruhe kommen. In der zweiten Hälfte des Gedichts beobachtet der Sprecher zwei weiße Katzen auf einer roten Backsteinmauer, die sich über den Anblick des Mondes und der Sterne wundern. Die Katzen diskutieren darüber, ob der Himmel nur ein Spiegel ist und die Sterne rückgestrahlte Lampenflämmchen. Sie sind sich einig, dass der Mond ein besonders großes Feuer sein muss, das in der Umgebung nicht zu finden ist. Die Katzen werden schließlich von Eris, der Göttin des Streits, auseinandergeschreckt. Das Gedicht verbindet die menschliche Faszination für die Schönheit der Nacht mit der Neugier und dem Staunen der Tiere. Es zeigt, wie die Natur und ihre Geschöpfe auf die gleiche Weise von den Geheimnissen des Universums angezogen werden und versuchen, diese zu ergründen. Die Verwendung von Personifikationen wie der stickenden Selene und den diskutierenden Katzen verleiht dem Gedicht eine märchenhafte Atmosphäre und betont die Verbindung zwischen Mensch, Tier und Natur.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Miaoend bald zum Dorfe, Bald erstaunt zur Höhe blickte
- Bildsprache
- Blitzeweiß ein Katzenpärchen, Weiß vom Schwanz bis zu der Ohrspitz
- Hyperbel
- Und die flügelmüde Seele Lässt sich still zur Ruhe nieder
- Kontrast
- Daß der Himmel nur ein Spiegel, Und die kleinen Sterne droben Rückgestrahlte Lampenflämmchen
- Metapher
- Auf den breiten, blauen Vorhang Schwarz als Silhouetten stickend
- Personifikation
- Wenn Selenes Silbernadeln Emsig stickend, leis erklingen
- Rhetorische Frage
- Aber wo im ganzen Umkreis Brannte ein so großes Feuer, Wie es dieser Mond verlangte?
- Vergleich
- Fühle vor der feinen Arbeit Immer mich als wie vor Wundern