Nachtgesang

Jakob van Hoddis

1942

Das Abendrot zerriss die blauen Himmel. Blut fiel aufs Meer. Und Fieber flammten auf. Die Lampen stachen durch die junge Nacht. Auf Straßen und in weißen Zimmern hell.

Und Menschen winden sich vom Lichte wund. Die Strolche schreien. Kleine Kinder schluchzen, Von Wäldern träumend, ängstlich. Ein Verrückter Hockt lauernd auf im Bette: Soll ich fliehen?

“Was sind wir aus dem Mutterleib gekrochen Denn jeder möchte doch ein andrer sein. Und jeder bohrt dir seine Augen ein Und drängt sich schamlos ein in deinen Traum Und seine Glieder sind an deinen Knochen Als gäb es keinen Raum.

Und Menschen wollen immer noch nicht sterben Und keiner wallt so einsam wie der Mond. Und selbst der Mond bedeutet nur Verderben. Denn seine Liebe wird mit Tod belohnt. -

Tief unter mir erstirbt die kranke Nacht. Und grauenhaft steigt bald der Morgen auf. Flugs schlägt er tot das Schwarz. Was tut er wilder Als Bruder gestern, den die Nacht verschlang?”

Trompetenstöße vom verfluchten Berge - Wann sinken Land und Meer in Gott?

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Illustration zu Nachtgesang

Interpretation

Das Gedicht Nachtgesang von Jakob van Hoddis zeichnet ein düsteres, beunruhigendes Bild der Nacht und der menschlichen Existenz. Die erste Strophe beschreibt eine gewaltsame, blutige Abenddämmerung, in der das Rot des Himmels wie ein zerrissenes Gewebe erscheint und auf das Meer tropft. Die Lampen durchbohren die junge Nacht, als ob sie sie angreifen würden. Die zweite Strophe zeigt die Auswirkungen dieses aggressiven Lichts auf die Menschen: Sie werden von ihm verwundet, Kinder schluchzen ängstlich im Schlaf, und ein Verrückter fragt sich, ob er fliehen soll. Die dritte Strophe reflektiert über die menschliche Natur: Jeder wünscht sich, jemand anderes zu sein, jeder dringt in die Träume der anderen ein und beansprucht seinen Platz im Leben. Die vierte Strophe beklagt die Unfähigkeit der Menschen, den Tod zu akzeptieren, und die Einsamkeit des Mondes, der nur Verderben bringt. Die fünfte Strophe beschreibt das Erwachen des Morgens, der die Nacht brutal tötet und sich fragt, was er noch Schrecklicheres tun kann als sein Bruder, die Nacht, die ihn verschluckt hat. Die letzte Strophe endet mit einem verzweifelten Aufschrei nach Gott, der das Land und das Meer in sich aufnehmen soll.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Trompetenstöße vom verfluchten Berge
Bildsprache
Blut fiel aufs Meer
Frage
Wann sinken Land und Meer in Gott?
Hyperbel
Was tut er wilder als Bruder gestern, den die Nacht verschlang
Metapher
Sein Bruder gestern, den die Nacht verschlang
Personifikation
Tief unter mir erstirbt die kranke Nacht