Nachtgefühl

Friedrich Hebbel

1813

Wenn ich mich abends entkleide, Gemachsam, Stück für Stück, So tragen die müden Gedanken Mich vorwärts oder zurück.

Ich denke der alten Tage, Da zog die Mutter mich aus; Sie legte mich still in die Wiege, Die Winde brausten ums Haus.

Ich denke der letzten Stunde, Da werden′s die Nachbarn tun; Sie senken mich still in die Erde, Dann werd ich lange ruhn.

Schließt nun der Schlaf mein Auge, Wie träum ich so oftmals das: Es wäre eins von beidem, Nur wüßt′ ich selber nicht, was.

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Illustration zu Nachtgefühl

Interpretation

Das Gedicht "Nachtgefühl" von Friedrich Hebbel beschäftigt sich mit dem zyklischen Charakter des Lebens, von der Geburt bis zum Tod. Der Sprecher reflektiert über die tägliche Handlung des Ausziehens am Abend, die als Metapher für den Übergang zwischen den Zuständen des Seins dient. Die Gedanken wandern dabei zwischen Vergangenheit und Zukunft, wobei die Kindheit und das Sterben als symbolische Anfangs- und Endpunkte des Lebensweges stehen. In den mittleren Strophen wird die Verbindung zwischen dem persönlichen Erleben und dem universellen Schicksal des Menschen deutlich. Die Mutter, die den Sprecher als Kind pflegte und in die Wiege legte, wird mit den Nachbarn gleichgesetzt, die ihn später ins Grab betten werden. Diese Parallele verdeutlicht die Kontinuität der Fürsorge und des Übergangs von einem Zustand in den nächsten, wobei die Natur (die Winde) als ständiger Begleiter präsent ist. Die letzte Strophe führt das Thema des Übergangs weiter und verweist auf den Schlaf als tägliche Wiederholung des Sterbens und Wiedergeborenwerdens. Der Traum, in dem der Sprecher nicht weiß, ob er geboren oder gestorben ist, symbolisiert die Ungewissheit und die Ambivalenz des Daseins. Das Gedicht endet mit der Frage nach der Natur des Seins und der Identität, die im Schlaf und im Tod gleichermaßen unklar bleibt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Ich denke der alten Tage, Da zog die Mutter mich aus; Sie legte mich still in die Wiege, Die Winde brausten ums Haus.
Enjambement
Wenn ich mich abends entkleide, Gemachsam, Stück für Stück, So tragen die müden Gedanken Mich vorwärts oder zurück.
Kontrast
Ich denke der letzten Stunde, Da werden′s die Nachbarn tun; Sie senken mich still in die Erde, Dann werd ich lange ruhn.
Metapher
So tragen die müden Gedanken Mich vorwärts oder zurück.
Parallelismus
Wenn ich mich abends entkleide, Gemachsam, Stück für Stück, So tragen die müden Gedanken Mich vorwärts oder zurück. Ich denke der alten Tage, Da zog die Mutter mich aus; Sie legte mich still in die Wiege, Die Winde brausten ums Haus. Ich denke der letzten Stunde, Da werden′s die Nachbarn tun; Sie senken mich still in die Erde, Dann werd ich lange ruhn.
Personifikation
Die Winde brausten ums Haus.
Symbolik
Sie senken mich still in die Erde, Dann werd ich lange ruhn.