Nachtgedanken

Gerrit Engelke

1909

Die Straße ist nun fast schon tot – Vorüber klappt, tappt ein Schritt – Das Echo hastet hallend mit. Der träge Mond sieht dunstigrot Auf grünes Gaslicht-Flimmern – Nun schlafen alle Menschen in den Zimmern. Die Straße ist nun hohl und tot –

Die schwarze Schweigenacht hat sacht Die Menschenstadt in schweren Schlaf gedrückt. Doch himmeloben wacht So sonderbar verrückt Der übernächtig träge Mond.

Die Stadt ist traurigtot – als wenn sie unbewohnt – Doch himmeloben glüht der Mond: Doch himmeloben glühen große Leben Über unsern dunstigdunklen Nachtschlaf-Sphären: Ungeheure Stern-Schwärme schweben Prasseln, rasen, blitzen, und gebären Aus sich selber immer neue Funken: Millionen Sterne schweben, leben Über unsrer toten Nacht. Himmeloben brechen Feuerfluten aus Vulkanen, Weltenkörper rasen krachend unermeßliche Bahnen. Sonnenkörper-Splitter irren trunken, Zitternd, splitternd in den All-Orkanen –

Und wir selbst –? Wir winzigkleinen Schläfer, Erstarrt im Stadtnacht-Schweigen: Wir rollen, sollen mit im vollen Reigen!

Wir liegen fest in Schlafes-Ketten, Bewegungslos, betäubt in unsern Betten, In enger Schiffskabine, In nachterstarrtem schwarzem Wahn – Doch treibt und treibt die Erdenschiffs-Maschine In steter Rase-Reise, In unerfaßbar großem Kreise, Uns durch den Weltraum-Ozean: Durch die Nacht.

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Illustration zu Nachtgedanken

Interpretation

Das Gedicht "Nachtgedanken" von Gerrit Engelke beschreibt die Stille und Leere einer nächtlichen Stadt, in der alle Menschen schlafen, während der träge Mond und die Sterne am Himmel weiterleben und sich bewegen. Engelke malt ein Bild der Kontraste zwischen der toten Stadt und dem lebendigen Universum, das über uns schwebt und unermessliche Kräfte entfaltet. Die Stadt wird als traurigtot dargestellt, als ob sie unbewohnt wäre, während der Mond und die Sterne mit ihrer Energie und ihrem Leben strahlen. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich Engelke den Menschen zu, die in ihren Betten schlafen und sich der Bewegung der Erde durch den Weltraum nicht bewusst sind. Er beschreibt die Menschen als winzigklein und erstarrt im Stadtnacht-Schweigen, während die Erdenschiffs-Maschine sie durch den Weltraum-Ozean treibt. Engelke verdeutlicht, dass die Menschen, obwohl sie sich bewegungslos in ihren Betten befinden, Teil des großen kosmischen Tanzes sind und mit im vollen Reigen rollen. Die abschließende Strophe betont die Unentrinnbarkeit der Bewegung der Erde und der Menschen durch den Weltraum. Engelke verwendet das Bild der "Schlafes-Ketten", um die Unbeweglichkeit der schlafenden Menschen zu verdeutlichen, während die Erdenschiffs-Maschine sie in steter Rase-Reise durch den Weltraum-Ozean treibt. Das Gedicht endet mit dem Bild der Nacht, das die unendliche Weite und das Geheimnis des Universums symbolisiert, in dem sich die Erde und die Menschen befinden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Uns durch den Weltraum-Ozean
Personifikation
Die Menschenstadt in schweren Schlaf gedrückt