Nachtgedanken

Heinrich Heine

1846

Denk ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht, Ich kann nicht mehr die Augen schließen, Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn! Seit ich die Mutter nicht gesehn, Zwölf Jahre sind schon hingegangen; Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst. Die alte Frau hat mich behext, Ich denke immer an die alte, Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb, Und in den Briefen, die sie schrieb, Seh ich, wie ihre Hand gezittert, Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn. Zwölf Jahre flossen hin, Zwölf lange Jahre sind verflossen, Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand, Es ist ein kerngesundes Land, Mit seinen Eichen, seinen Linden Werd ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr, Wenn nicht die Mutter dorten wär; Das Vaterland wird nie verderben, Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab, So viele sanken dort ins Grab, Die ich geliebt - wenn ich sie zähle, So will verbluten meine Seele.

Und zählen muss ich - Mit der Zahl Schwillt immer höher meine Qual, Mir ist, als wälzten sich die Leichen Auf meine Brust - Gottlob! Sie weichen!

Gottlob! Durch meine Fenster bricht Französisch heitres Tageslicht; Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

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Illustration zu Nachtgedanken

Interpretation

Das Gedicht "Nachtgedanken" von Heinrich Heine thematisiert die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach der Heimat Deutschland und besonders nach der Mutter, die dort geblieben ist. Die Nachtgedanken lassen den Sprecher nicht schlafen, da er an die Trennung von seiner Mutter und seiner Heimat denkt. Die Sehnsucht und das Verlangen des lyrischen Ichs nach der Mutter wachsen im Laufe der Zeit immer mehr an. Die Mutter hat das lyrische Ich "behext" und es denkt ständig an sie. Die Briefe der Mutter zeigen, wie sehr sie das lyrische Ich vermisst und wie sehr ihr Herz darunter erschüttert ist. Das lyrische Ich betont, dass Deutschland zwar ewig bestehen wird, aber die Mutter sterben kann. Die Trennung von der Mutter ist für das lyrische Ich viel schmerzhafter als die Trennung von der Heimat. Die Erinnerung an all die geliebten Menschen, die seit der Abreise gestorben sind, verstärkt die Sehnsucht und die Qual des lyrischen Ichs noch mehr. Doch am Ende des Gedichts findet das lyrische Ich Trost in seiner Frau, die ihm die deutschen Sorgen mit ihrem Lächeln zu vertreiben vermag. Das französische Tageslicht, das durch das Fenster bricht, symbolisiert die neue Heimat und das neue Leben des lyrischen Ichs in Frankreich.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Seh ich, wie ihre Hand gezittert
Anapher
Seit ich die Mutter nicht gesehn, Zwölf Jahre sind schon hingegangen
Hyperbel
So will verbluten meine Seele
Kontrast
Gottlob! Durch meine Fenster bricht Französisch heitres Tageslicht; Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, Und lächelt fort die deutschen Sorgen
Metapher
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen
Personifikation
Deutschland hat ewigen Bestand