Nachtgang

Otto Julius Bierbaum

1910

Wir gingen durch die stille milde Nacht, dein Arm in meinem, dein Auge in meinem. Der Mond goß silbernes Licht über dein Angesicht, wie auf Goldgrund ruhte dein schönes Haupt. Und du erschienst mir wie eine Heilige, mild, mild und groß und seelenübervoll, heilig und rein wie die liebe Sonne. Und in die Augen schwoll mir ein warmer Drang, wie Tränenahnung. Fester faßt′ ich dich und küßte, küßte dich ganz leise. Meine Seele weinte.

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Illustration zu Nachtgang

Interpretation

Das Gedicht "Nachtgang" von Otto Julius Bierbaum erzählt von einem nächtlichen Spaziergang zweier Personen, bei dem der Erzähler eine tiefe emotionale und spirituelle Verbindung zur Begleiterin empfindet. Die Stimmung ist von Ruhe und Intimität geprägt, verstärkt durch das Bild des Mondlichts, das das Gesicht der Frau in ein sanftes Silber taucht. Die Beschreibung, dass ihr Haupt "wie auf Goldgrund" ruht, verleiht ihr eine fast sakrale Erscheinung und deutet auf eine erhabene, unvergängliche Schönheit hin. Die Frau wird als eine Heilige dargestellt, rein und voll von Seele, verglichen mit der lieben Sonne. Diese metaphorische Verklärung unterstreicht die Bewunderung und die fast andächtige Verehrung, die der Erzähler für sie empfindet. Die Nacht wird somit zum Rahmen einer mystischen Begegnung, in der die Grenzen zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen verschwimmen. Die tiefe Verbundenheit spiegelt sich auch in der körperlichen Nähe wider, symbolisiert durch den Arm in Arm Gehen und das geteilte Blicken in die Augen. Der emotionale Höhepunkt des Gedichts wird erreicht, als der Erzähler von einem "warmen Drang" in seinen Augen spricht, der an Tränenahnung erinnert. Diese Empfindung deutet auf überwältigende Gefühle hin, die zwischen Freude, Rührung und tiefer Zuneigung schwanken. Die zarten Küsse, die er ihr gibt, sind Ausdruck dieser inneren Bewegung, und die abschließende Zeile "Meine Seele weinte" offenbart die Intensität des Erlebten. Es ist ein stilles, inneres Weinen – ein Ausdruck von Glück und Ergriffenheit, der die tiefe Verbundenheit und die spirituelle Erfahrung des Moments einfängt.

Schlüsselwörter

mild küßte gingen stille milde nacht arm auge

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Stilmittel

Alliteration
dein Auge in meinem
Bildlichkeit
Wir gingen durch die stille milde Nacht
Hyperbel
Meine Seele weinte
Metapher
Der Mond goß silbernes Licht über dein Angesicht
Personifikation
Meine Seele weinte
Rhythmus
fester faßt′ ich dich und küßte, küßte dich ganz leise
Symbolik
heilig und rein wie die liebe Sonne
Vergleich
wie auf Goldgrund ruhte dein schönes Haupt