Nachlass
1863Ich werde so von hinnen eilen Mit tiefgeschlossenem Visier, Und ein paar arme, stumpfe Zeilen Die bleiben dann der Welt von mir.
Nach diesen werden sie mich wägen, Verdammung sprechen oder Lob, Nicht ahnend, ach, mit welchen Schlägen Sich oft mein Herz in meinem Busen hob, Wie ich am schönen Tag, in guter Stunde, Verschmelzend Geist in Geist gewebt, Mit einem kleinen Menschenbunde Ein ganzes, volles Leben durchgelebt; Wie wir das Herz, wie wir die Welt gemessen, Wie manch gewichtig Wort in Lethes Wellen fiel, Und wie wir dann in seligem Vergessen Manch kecken Scherz geübt, manch übermütig Spiel. Vor solchem Leben frisch und reich Wie sind die Lettern tot und bleich!
Doch was ich mir in mir gewesen, Das hat kein Freund gesehn, wird keine Seele lesen.
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Interpretation
Das Gedicht "Nachlass" von Hermann Kurz handelt von der Endlichkeit des Lebens und dem Vermächtnis, das ein Mensch hinterlässt. Der Sprecher reflektiert über seinen eigenen Tod und die Tatsache, dass er die Welt bald verlassen wird. Er beschreibt, wie er mit "tiefgeschlossenem Visier" davon eilt, was auf eine gewisse Resignation oder Akzeptanz seiner Sterblichkeit hindeutet. Die "paar armen, stumpfen Zeilen", die zurückbleiben, symbolisieren die begrenzte Ausdruckskraft der Worte im Vergleich zur Fülle der gelebten Erfahrungen. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert der Sprecher über die Tiefe und Intensität seiner emotionalen und intellektuellen Erfahrungen. Er erinnert sich an Momente, in denen er sich mit anderen Menschen verbunden fühlte und ein "ganzes, volles Leben" erlebte. Diese Erinnerungen sind geprägt von Leidenschaft, Kreativität und einem Gefühl der Verbundenheit mit der Welt um ihn herum. Der Sprecher betont, dass diese Erfahrungen von großer Bedeutung waren, aber letztendlich unvermittelt bleiben werden, da sie nicht in den "Lettern" oder Worten festgehalten werden können. Im letzten Teil des Gedichts kommt der Sprecher zu dem Schluss, dass das, was er in seinem Inneren erlebt hat, für andere nicht sichtbar oder zugänglich sein wird. Die "Lettern" oder Worte, die er hinterlässt, werden als "tot und bleich" im Vergleich zu der Fülle seiner inneren Erfahrungen empfunden. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die wahre Tiefe des eigenen Lebens und der eigenen Erfahrungen für andere unzugänglich bleibt und somit ein Geheimnis darstellt, das mit dem Tod des Individuums verloren geht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Stumpfe Zeilen
- Hyperbel
- Mit einem kleinen Menschenbunde / Ein ganzes, volles Leben durchgelebt
- Kontrast
- Vor solchem Leben frisch und reich / Wie sind die Lettern tot und bleich
- Metapher
- Vor solchem Leben frisch und reich / Wie sind die Lettern tot und bleich
- Personifikation
- Die bleiben dann der Welt von mir