Nachklänge (2)
18571
O Herbst, in linden Tagen Wie hast du rings dein Reich Phantastisch aufgeschlagen, So bunt und doch so bleich!
Wie öde, ohne Brüder, Mein Tal so weit und breit, Ich kenne dich kaum wieder In dieser Einsamkeit.
So wunderbare Weise Singt nun dein bleicher Mund, Es ist, als öffnet′ leise Sich unter mir der Grund.
Und ich ruht überwoben, Du sängest immerzu, Die Linde schüttelt′ oben Ihr Laub und deckt′ mich zu.
2
An meinen Bruder
Gedenkst du noch des Gartens Und Schlosses überm Wald, Des träumenden Erwartens: Obs denn nicht Frühling bald?
Der Spielmann war gekommen, Der jeden Lenz singt aus, Er hat uns mitgenommen Ins blühnde Land hinaus.
Wie sind wir doch im Wandern Seitdem so weit zerstreut! Fragt einer nach dem andern, Doch niemand gibt Bescheid.
Nun steht das Schloß versunken Im Abendrote tief, Als ob dort traumestrunken Der alte Spielmann schlief.
Gestorben sind die Lieben, Das ist schon lange her, Die wen′gen, die geblieben, Sie kennen uns nicht mehr.
Und fremde Leute gehen Im Garten vor dem Haus - Doch übern Garten sehen Nach uns die Wipfel aus.
Doch rauscht der Wald im Grunde Fort durch die Einsamkeit Und gibt noch immer Kunde Von unsrer Jugendzeit.
Bald mächtger und bald leise In jeder guten Stund Geht diese Waldesweise Mir durch der Seele Grund.
Und stamml ich auch nur bange, Ich sing es, weil ich muß, Du hörst doch in dem Klange Den alten Heimatsgruß.
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Interpretation
Das Gedicht "Nachklänge (2)" von Joseph von Eichendorff beschreibt die melancholische Stimmung des Herbstes und die Erinnerungen an eine vergangene Zeit. In der ersten Strophe malt der Dichter ein Bild von der veränderten Landschaft, die durch die herbstliche Färbung fremd und einsam wirkt. Die Linde wird als Symbol für die Vergänglichkeit der Zeit dargestellt, die den Sprecher mit ihrem Laub bedeckt. In der zweiten Strophe richtet sich der Dichter an seinen Bruder und erinnert sich an ihre gemeinsame Kindheit im Schlossgarten. Der Spielmann, der jeden Frühling singt, hat sie einst in die Welt hinausgenommen, doch seitdem sind sie auseinandergegangen. Das Schloss ist nun versunken im Abendrot, und die geliebten Menschen sind gestorben. Die wenigen, die geblieben sind, kennen sie nicht mehr. Trotz der Veränderungen und des Verlustes bleibt die Erinnerung an die Jugendzeit bestehen. Der Wald rauscht fort durch die Einsamkeit und gibt immer noch Kunde von ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Die Waldesweise geht dem Sprecher durch die Seele und er singt sie, auch wenn er sich ängstlich fühlt. Der Gruß aus der Heimat erklingt in dem Klang des Gesangs und verbindet den Sprecher mit seinem Bruder und ihrer gemeinsamen Herkunft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Heimatsgruß
- Hyperbel
- Die wen'gen, die geblieben, sie kennen uns nicht mehr
- Metapher
- Waldesweise geht mir durch der Seele Grund
- Personifikation
- O Herbst, in linden Tagen
- Wiederholung
- Den alten Heimatsgruß