Nach der Weinlese
1876Nun stehn die kleinen Pforten alle offen, die talwärts zu den Rebenhängen führen! Kein Wächter eilt, sie nächtens zu verschließen. Der Wächter Amt ist aus. Sie schwelgen wohl im jungen Wein bereits und reden trunken… Die Reben aber, ihres Schmucks beraubt, der Schwere und der Süße ihrer Trauben, entsenden Blatt für Blatt zur Erde wieder und kräuseln müde ihre dürren Ranken. Wie Frauen, deren Haare alternd bleichen, die niemand mehr sich Mühe gibt zu hüten, weil keine Süßigkeit gefährdet ist und keiner Frucht mehr Räuber schändend nahen, so liegen sie an den verlassnen Straßen im Moderkranz der fahlen Lauben da, und selbst die kleinen Wasser wandern träger dem großen Strom der breiten Tale zu.
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Interpretation
Das Gedicht "Nach der Weinlese" von Margarete Beutler beschreibt die Stimmung nach der Weinlese, wenn die Reben ihrer Trauben beraubt sind. Die "kleinen Pforten" stehen offen, was symbolisch für das Ende der Erntezeit steht. Der Wächter, der die Pforten nächtens verschließen würde, ist nicht mehr da, da seine Aufgabe erfüllt ist. Die Reben senden ihre Blätter zur Erde zurück und kräuseln ihre Ranken, was auf den nahenden Herbst und den Beginn des Verfalls hindeutet. Die Dichterin vergleicht die Reben mit Frauen, deren Haare im Alter grau werden. Wie diese Frauen, deren Schönheit nicht mehr bewahrt werden muss, weil keine Gefahr mehr für ihre "Süßigkeit" besteht, liegen die Reben nun verlassen da. Sie sind ihres Schmucks beraubt und warten auf den natürlichen Verfall. Die "verlassnen Straßen" und der "Moderkranz der fahlen Lauben" verstärken die melancholische Stimmung des Gedichts. Das Gedicht endet mit der Beschreibung der "kleinen Wasser", die träger dem großen Strom entgegenfließen. Dies könnte als Metapher für den Lebenszyklus interpretiert werden, bei dem alles am Ende zu einer größeren Einheit zurückkehrt. Die trägen, langsamen Bewegungen der Wasser spiegeln die allgemeine Stimmung der Ruhe und des Verfalls wider, die das Gedicht durchzieht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Die Beschreibung der Reben als Frauen, die an verlassnen Straßen im Moderkranz der fahlen Lauben liegen.
- Hyperbel
- Die Aussage, dass 'kein Wächter eilt, sie nächtens zu verschließen', übertreibt die Abwesenheit von Wächtern.
- Metapher
- Die Reben werden als Frauen beschrieben, deren Haare alternd bleichen.
- Personifikation
- Die Reben 'entsenden Blatt für Blatt zur Erde wieder' und 'kräuseln müde ihre dürren Ranken'.
- Symbolik
- Die 'kleinen Pforten' symbolisieren die Öffnung oder das Ende der Weinlese.
- Vergleich
- Die Reben werden mit Frauen verglichen, deren Haare altern.