Nach dem Kabarett

Emmy Hennings

1901

Ich gehe morgens früh nach Haus. Die Uhr schlägt fünf, es wird schon hell, Doch brennt das Licht noch im Hotel. Das Kabarett ist endlich aus. In einer Ecke Kinder kauern, Zum Markte fahren schon die Bauern, Zur Kirche geht man still und alt. Vom Turme läuten ernst die Glocken, Und eine Dirne mit wilden Locken Irrt noch umher, übernächtigt und kalt.

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Illustration zu Nach dem Kabarett

Interpretation

Das Gedicht "Nach dem Kabarett" von Emmy Hennings beschreibt die morgendliche Stimmung nach einer durchzechten Nacht im Kabarett. Die Protagonistin kehrt früh nach Hause zurück, während die Stadt langsam erwacht. Der Kontrast zwischen der ausgelassenen Nacht und der ruhigen, fast andächtigen Atmosphäre des Morgens wird deutlich. Die erwachende Stadt wird durch verschiedene Bilder und Handlungen charakterisiert: Kinder kauern in einer Ecke, Bauern fahren zum Markt, Menschen gehen still und alt zur Kirche. Die ernst klingenden Glocken des Turms unterstreichen die feierliche Stimmung. Im Mittelpunkt des Gedichts steht eine Dirne, die mit wilden Locken noch immer durch die Straßen irrt. Sie ist übernächtigt und kalt, ein Sinnbild für diejenigen, die die ganze Nacht durchgemacht haben und nun mit den Konsequenzen ihrer Ausschweifungen konfrontiert werden. Die Dirne verkörpert den Kontrast zwischen der hedonistischen Welt des Kabaretts und der moralischen, religiösen Atmosphäre des Morgens. Sie ist ein Außenseiter, der nicht in die geordnete Welt der Frühaufsteher und Kirchgänger passt. Das Gedicht vermittelt eine melancholische Stimmung und thematisiert den Konflikt zwischen der Welt der Nacht und der Welt des Tages. Es zeigt die Kehrseite des nächtlichen Vergnügens und die Einsamkeit und Kälte, die oft damit einhergehen. Die Dirne symbolisiert diejenigen, die in der Gesellschaft am Rande stehen und mit den Folgen ihrer Lebensweise konfrontiert werden. Emmy Hennings nutzt eindrucksvolle Bilder und eine klare Sprache, um diesen Kontrast und die damit verbundenen Emotionen zu vermitteln.

Schlüsselwörter

gehe morgens früh haus uhr schlägt fünf hell

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Stilmittel

Bildsprache
Und eine Dirne mit wilden Locken Irrt noch umher, übernächtigt und kalt.
Gegenüberstellung
Ich gehe morgens früh nach Haus. Die Uhr schlägt fünf, es wird schon hell, Doch brennt das Licht noch im Hotel.
Kontrast
Zum Markte fahren schon die Bauern, Zur Kirche geht man still und alt.
Personifikation
Vom Turme läuten ernst die Glocken