Nach dem ersten nächtlichen Besuche

Leopold von Goeckingk

1782

Bin ich nüchtern, bin ich trunken? Wach ich oder träum ich nur? Bin ich aus der Welt gesunken? Bin ich anderer Natur? Fühlt` ein Mädchen schon so was? Wie begreif ich alles das?

Weiß ich, daß die Rosen blühen? Hör ich jene Raben schrein? Fühl ich, wie die Wangen glühen? Schmeck ich einen Tropfen Wein? Seh ich dieses Morgenrot?- Tot sind alle Sinnen, tot!

Alle seid ihr denn gestillet? Alle? Habet alle Dank! Könnt ich so in mich gehüllet, Ohne Speis und ohne Trank, Nur so sitzen Tag für Tag Bis zum letzten Herzensschlag.

In der Nacht der Freude fliehet Meine Seele wieder hin! Hört und schmeckt und fühlt und siehet Mit dem feinen innren Sinn! O Gedächtnis schon in dir Liegt ein ganzer Himmel mir!

Worte, wie sie abgerissen Kaum ein Seufzer von ihm stieß, Hör ich wieder, fühl ihn küssen: Welche Sprache sagt, wie süß? Seh ein Tränchen - Komm herab! Meine Lippe küßt dich ab!

Wie ich noch so vor ihm stehe, Immer spreche: Gute Nacht! Bald ihn stockend wieder flehe: Bleibe, bis der Hahn erwacht! Wie mein Fuß bei jedem Schritt Wanket und mein Liebster mit!

Wie ich nun an seine Seite Festgeklammert, küssend ihn Durch den Garten hin begleite! Bald uns halten, bald uns ziehn! Wie da der Mond und Sterne stehn, Unserm Abschied zuzusehn.

Ach, da sind wir an der Türe! Bebend hält er in der Hand Schon den Schlüssel.- Wart, ich spüre Jemand gehen, Amarant! Warte nur das bischen doch! Einen Kuß zum Abschied noch!

Ich verliere, ich verliere Mich in diesem Labyrinth! Traumt ich je, daß ich erführe, Was für Freuden Freuden sind? Wenn die Freude töten kann, Triffst du nie mich wieder an.

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Illustration zu Nach dem ersten nächtlichen Besuche

Interpretation

Das Gedicht "Nach dem ersten nächtlichen Besuche" von Leopold von Goeckingk thematisiert die überwältigenden Gefühle und Sinneseindrücke, die der lyrischen Ich nach einem nächtlichen Treffen mit ihrem Liebhaber durchlebt. Die Protagonistin ist in einem Zustand der Verwirrung und Ekstase, in dem sie die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen sieht und sich selbst als verändert empfindet. Sie ist vollkommen von den Erinnerungen an die vergangene Nacht eingenommen und sehnt sich danach, in dieser Gefühlswelt gefangen zu bleiben. Die Sinne der Protagonistin sind geschärft und zugleich betäubt von der Intensität der Erlebnisse. Sie nimmt die äußere Welt nur noch eingeschränkt wahr und konzentriert sich voll und ganz auf die inneren Empfindungen und Erinnerungen an die Begegnung mit ihrem Geliebten. Die Sprache des Gedichts ist geprägt von Wiederholungen und Ausrufen, die die emotionale Überwältigung der Protagonistin verdeutlichen. Im letzten Abschnitt des Gedichts kulminiert die Gefühlswelt der Protagonistin in einem Zustand der Ekstase und der Angst vor dem Verlust dieser intensiven Erfahrung. Sie ist bereit, sich ganz der Liebe hinzugeben und in den Strudel der Gefühle einzutauchen, auch wenn dies den Verlust der eigenen Identität bedeuten könnte. Das Gedicht endet mit der resignativen Erkenntnis, dass die Protagonistin sich in diesem Labyrinth der Gefühle verlieren wird und dass die Intensität der Erfahrung sie möglicherweise verändern oder sogar zerstören wird.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Seh ein Tränchen - Komm herab!
Anapher
Alle seid ihr denn gestillet? Alle? Habet alle Dank!
Hyperbel
Wenn die Freude töten kann
Metapher
Liegt ein ganzer Himmel mir!
Oxymoron
Tot sind alle Sinnen, tot!
Personifikation
In der Nacht der Freude fliehet Meine Seele wieder hin!
Rhetorische Frage
Bin ich nüchtern, bin ich trunken? Wach ich oder träum ich nur? Bin ich aus der Welt gesunken? Bin ich anderer Natur?
Vergleich
Welche Sprache sagt, wie süß?