Nach dem ersten Abend bei Franconi in Paris

Friedrich Hebbel

1911

Jammer, du rührst mich nicht mehr! Denn daß es dem feurigen Proteus In des Odysseus Arm, der ihn nicht einmal befragt, Der ihn nur stumm erdrückt und an der Verwandlung verhindert, Daß es ihm übel behagt, dieses versteht sich von selbst. Aber, wenn er sich löst und sich die göttliche Freiheit Wieder erobert, und wär′s auch nur für einen Moment: Ja, da rührt er mich tief, da fühl′ ich mich doppelt und dreifach Selber gebunden, da wird eilig das Auge mir feucht. Zeigt mir ein Bettler die Wunden, so reich′ ich ihm freilich den Pfenning, Doch ich wusch sie noch nie mild mit der Träne ihm aus, Aber ich weine dem Lear, und auch nicht, weil es dem König Mißlich ergeht in dem Stück, nein, weil ein Mensch es gemacht. Ja, ich will es bekennen, daß selbst die Reiter-Gesellschaft Mir heut abend den Tau süßer Bewundrung entlockt. Ist es dem Vogel nicht nah, dies zierliche Mädchen? Der Jüngling, Beugt er dem dumpfen Gesetz irdischer Schwere sich noch? Und auf den Schultern des Bruders, das Knäbchen, die Stellungen wechselnd, Scheint′s nicht lebendiger Ton, welcher nach Laune sich formt? Gaukeln nicht alle vorüber, wie glänzende Schatten, und zeigen, Daß der Leib, wie der Geist, frei ist, sobald er nur will? Ja, und würde auch jedes ein Opfer des kühnsten Versuches, Den die Begeisterung wagt: stürzt denn nicht Psyche noch schön, Wenn sie′s im Taumel vergißt, daß sie den trügrischen Fittich Wieder zerschüttet zu Sand, den sie zu mutig bewegt?

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Illustration zu Nach dem ersten Abend bei Franconi in Paris

Interpretation

Das Gedicht "Nach dem ersten Abend bei Franconi in Paris" von Friedrich Hebbel beschäftigt sich mit der Begeisterung des lyrischen Ichs für eine Reiter-Show. Es vergleicht die Akrobaten mit dem mythologischen Proteus, der sich in verschiedene Gestalten verwandeln kann. Das lyrische Ich bewundert die Freiheit und Leichtigkeit der Darsteller, die scheinbar die Schwerkraft überwinden und ihren Körper nach Belieben formen können. Es fühlt sich von ihnen tief berührt und zu Tränen gerührt, weil es die menschliche Kreativität und Leidenschaft erkennt, die hinter der Show steckt. Das Gedicht verwendet verschiedene Anspielungen und Metaphern, um die Wirkung der Show zu verdeutlichen. So vergleicht es das Mädchen mit einem Vogel, den Jüngling mit einem Ton, der sich formen lässt, und die ganze Gruppe mit glänzenden Schatten. Es spielt auch mit dem Kontrast zwischen Jammer und Bewunderung, zwischen Gefangenschaft und Freiheit, zwischen Körper und Geist. Das Gedicht endet mit einer Frage, die sich auf die griechische Sage von Psyche und Amor bezieht. Es fragt, ob es nicht schön sei, wenn Psyche, die Seele, im Taumel der Liebe ihre Flügel zerschmettert, auch wenn sie dadurch zu Boden fällt.

Schlüsselwörter

selbst will jammer rührst mehr feurigen proteus odysseus

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Stilmittel

Hyperbel
daß selbst die Reiter-Gesellschaft mir heut abend den Tau süßer Bewunderung entlockt
Metapher
daß sie den trügrischen Fittich wieder zerschüttet zu Sand
Personifikation
Gaukeln nicht alle vorüber, wie glänzende Schatten
Vergleich
Ist es dem Vogel nicht nah, dies zierliche Mädchen?