Nach dem 88sten Psalm

Christian Friedrich Daniel Schubart

unknown

Jehovah, Gott mein Heil! ich schreye Im Morgennebel zu dir auf! Und kommt die Mitternacht, aufs neue Flammt mein Gebet zu dir hinauf. Ach, laß dies Schreyen zu dir kommen Und neig herab zu mir dein Ohr. Steigt nur des Heiligen, des Frommen, Nicht auch des Büßers Flehn empor?

Voll Jammers, Gott, ist meine Seele, Mein weggeworfnes Leben schwebt Nah′ am Geklüft der Schauerhöhle, Wo der Verdammten Schatten bebt. Geachtet bin ich, gleich den Todten, Wie ein Erschlagner lieg′ ich hier Verlassen, hülflos auf dem Boden, Im Felsengrabe Gott vor dir!

In Tiefen hast du mich verschlossen, Und Finsterniß liegt um mich her. Dein Feuergrimm herabgegossen Stürzt auf mich wie ein Flammenmeer. Fern sind die Trauten meines Herzens, Ich bin ihr Scheusal, bin ihr Greul; Sie scheu′n den Anblick meines Schmerzens Und fliehn vor meinem Angstgeheul.

Nicht Weib und Mutter hört mich bangen Verlaßnen, der so einsam trau′rt. Gefangen bin ich, schwer gefangen, In öde Trümmer eingemau′rt. Ach, ohne Zeugen muß ich trauern, Dem Fels nur klag′ ich meinen Schmerz; Doch er bleibt stumm, und seine Mauern Sind hart wie ein Tyrannenherz.

Was frommen meine goldnen Jahre, Des vollen Lebens Sommergluth, Grau macht der Kummer meine Haare, Zur faulen Lache wird mein Blut. Sind nicht von langem, heißen Weinen Die Wangen wund? die Augen roth? Starrt nicht das Mark in meinen Beinen? Und bin ich nicht ein Bild vom Tod?

Vergebens breit′ ich meine Arme Gen Himmel, rufe: Vaterherz, Wo ist dein Mitleid! ach, erbarme Dich über mich! Bist du von Erz? O Herr, willst du nur deine Wunder An Schädeln und Gerippen thun? Dringt auch der Allmacht Arm hinunter Ins Nachtthal, wo die Seelen ruhn?

Wird dieser Staubleib auferstehen, Hat ihn dein Sturmwind, Gott, verstreut? Wird dann mein Aug′ gen Himmel sehen? Schlägt dann dies Herz voll Dankbarkeit? Wird man in tiefen Gräbern sagen, Wie gut du seyst? und wird im Land, Wo Schlang′ und Würmer uns benagen, An Todten deine Treu′ erkannt?

Jauchzt man in schauervollen Nächten, In deine Wunder, Gott, versenkt? Spricht man von dir und deinen Rechten Im Lande, da man nichts gedenkt? Hier will ich, Schöpfer, zu dir beten, Noch hier, so lang dies Herz noch klopft, Bis mir der Tod nach tausend Nöthen, Des Lebens goldnen Quell verstopft.

Doch was verschmähst du meine Seele? Was kehrst du von mir dein Gesicht? Siehst mich im Dampf der Kerkerhöhle, Hörst mein Gebet im Staube nicht? Elend und Ohnmacht drückt mich nieder, Und doch stößt mich dein Fuß zurück. Dein Schrecken, Gott, zermalmt die Glieder Und die Verzweiflung preßt den Blick.

Dein Grimm fährt über mich wie Wagen Und schneidet Furchen in mein Herz. Gott, deine ausgegoßne Plagen Sind brennend, wie der Hölle Schmerz. Sie fluthen um mich her, wie Wogen, Umbraußen mich, bis ihre Wuth Im Strudel mich hinabgezogen Und mich ersäuft die wilde Fluth.

Vergebens strecken nach dem Freunde Die müdgerungnen Arme sich; Vergebens ächz′ ich: komm, beweinte Verlaßne Gattin, tröste mich! Kommt Kinder, ehmals mein Vergnügen? Seht euren armen Vater hier! - Vergebens! - meine Freunde liegen Wie ein bewölktes Land vor mir.

Verlassen soll ich von den Meinen, Soll′ einsam in der Mitternacht In meiner Jammergrotte weinen, Mit Elend ringen, ohne Macht. Nur du kannst meine Seufzer stillen, O Gott, drum schrey′- ich auch empor: Erbarme dich um Jesu willen Und neig′ zu meinem Schrey′n dein Ohr.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Nach dem 88sten Psalm

Interpretation

Das Gedicht "Nach dem 88sten Psalm" von Christian Friedrich Daniel Schubart ist ein tief empfundenes und verzweifeltes Gebet an Gott, das die tiefe Not und Einsamkeit des lyrischen Ichs zum Ausdruck bringt. Der Sprecher fleht zu Gott, seine Gebete zu hören und sich seines Leids anzunehmen. Er fühlt sich verlassen und verdammt, wie ein Aussätziger von seiner Umwelt gemieden. Die Sprache ist geprägt von starken Kontrasten und Bildern, die die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit des Sprechers verdeutlichen. Das Gedicht ist in mehrere Strophen gegliedert, die jeweils einen anderen Aspekt der Klage des Sprechers beleuchten. Die erste Strophe stellt das wiederkehrende Gebet des Sprechers dar, das auch in der dunkelsten Nacht nicht erlischt. Die zweite und dritte Strophe beschreiben das Gefühl des Sprechers, von Gott verlassen und in tiefe Dunkelheit gestürzt zu sein. Die vierte Strophe thematisiert die Isolation des Sprechers, der von Freunden und Familie im Stich gelassen wurde. Die fünfte und sechste Strophe beschreiben die körperlichen und seelischen Qualen, die der Sprecher erleidet, und seine verzweifelten Rufe an Gott. Die siebte und achte Strophe fragen nach der Auferstehung und der Anerkennung Gottes auch im Land der Toten. Die neunte Strophe beschreibt den unermüdlichen Willen des Sprechers, zu Gott zu beten, bis zum Tod. Die zehnte und elfte Strophe drücken die tiefe Verzweiflung und den Schmerz des Sprechers aus, der sich von Gott verstoßen fühlt. Die letzte Strophe endet mit einem erneuten Aufschrei des Sprechers, der Gott bittet, sich seines Leids anzunehmen und ihm zu helfen. Insgesamt ist das Gedicht ein eindringliches Plädoyer für Gottes Gnade und Barmherzigkeit in Zeiten größter Not und Verzweiflung.

Schlüsselwörter

gott vergebens herz kommt mitternacht gebet neig ohr

Wortwolke

Wortwolke zu Nach dem 88sten Psalm

Stilmittel

Alliteration
Vergebens breit' ich meine Arme / Gen Himmel, rufe: Vaterherz,
Anapher
Im Morgennebel zu dir auf! / Und kommt die Mitternacht, aufs neue / Flammt mein Gebet zu dir hinauf.
Apostrophe
Vaterherz, / Wo ist dein Mitleid!
Bildsprache
Dein Feuergrimm herabgegossen / Stürzt auf mich wie ein Flammenmeer.
Enjambement
Voll Jammers, Gott, ist meine Seele, / Mein weggeworfnes Leben schwebt
Hyperbel
Bis mir der Tod nach tausend Nöthen, / Des Lebens goldnen Quell verstopft.
Metapher
Wo der Verdammten Schatten bebt.
Personifikation
Und die Verzweiflung preßt den Blick.
Rhetorische Frage
Sind nicht von langem, heißen Weinen / Die Wangen wund? die Augen roth?
Vergleich
Geachtet bin ich, gleich den Todten, / Wie ein Erschlagner lieg' ich hier