Mutter und Tochter

Heinrich Christian Boie

1744

Am warmen Juniusabend Wie duftig weht es, wie labend Von Bohnenblüten und Heu! Wo durch Kastaniendunkel Erzittert rothes Gefunkel, Hier lacht die Jugend und schäkert frei.

Vor allen aber ist Hedchen Ein ausgelaßenes Mädchen Und sizt auf jeglichem Knie. Still kömmt die Mutter gegangen: »Mein Kind, wie glühn Dir die Wangen! Dich warnt Erfahrung und Alter: flieh!

Hast Du gesehn, wie die Taube Mit grünlich goldner Haube Dem Täuber bietet den Mund? Sie gurrt und picket und schnäbelt, Von Brautentzücken umnebelt - Was folgt, mein Töchterchen, ist Dir kund.«

»O Mutter lächelte Hedchen, Warum so mürrisch? Ein Mädchen Muß doch nicht wunderlich sein. Man will ja gerne gefallen, Und beßer scherzt man mit allen Als einem freundlichen Mann allein.«

»Behüte, Mädchen, behüte! Willfährst Du allen mit Güte, So fängst Du nimmer ein Herz. Nimm Einen Mann für das Leben; Ein Schäferstündchen daneben Vergönnt mit anderen wol den Scherz.«

»Bereit nur Mütterchen halte Den Brautkranz! Otto der alte Hat Geld und eignen Herd. Ich meint, ihr nähmet fürs Leben Den Ehmann euch und daneben Sei nie ein Stündchen dem Scherz geweiht.«

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Illustration zu Mutter und Tochter

Interpretation

Das Gedicht "Mutter und Tochter" von Heinrich Christian Boie thematisiert den Generationenkonflikt zwischen einer konservativen Mutter und ihrer modernen Tochter Hedchen. Die Handlung spielt an einem lauen Juni-Abend, an dem sich junge Leute zum Feiern und Flirten treffen. Hedchen ist eine ausgelassene junge Frau, die sich mit vielen Männern einlässt und auf deren Knien sitzt. Ihre Mutter warnt sie davor, warnt vor den Konsequenzen eines zu freizügigen Lebenswandels. Die Mutter versucht Hedchen mit dem Beispiel der Taube zu erklären, dass ein zu freizügiges Verhalten zur Folge haben kann, dass man am Ende alleine dasteht. Sie rät ihr, sich für einen Mann zu entscheiden und diesem treu zu bleiben. Hedchen hingegen sieht das anders. Sie möchte gerne gefallen und findet es langweilig, sich nur auf einen Mann zu beschränken. Sie argumentiert, dass man mit vielen Menschen besser scherzen kann als nur mit einem. Die Mutter bleibt bei ihrer Meinung und warnt Hedchen erneut. Sie rät ihr, sich für einen Mann zu entscheiden und diesem treu zu bleiben. Sie gesteht Hedchen sogar zu, dass sie daneben noch ein Schäferstündchen mit anderen Männern haben darf. Hedchen reagiert darauf mit einer überraschenden Aussage. Sie will den alten Otto heiraten, der Geld und einen eigenen Herd hat. Sie will ihrem Mann treu bleiben und keine Schäferstündchen mit anderen Männern haben. Das Gedicht endet mit einer überraschenden Wendung. Hedchen, die sich zunächst als moderne und freizügige junge Frau präsentiert, entscheidet sich am Ende für einen traditionellen Lebensentwurf. Sie will heiraten, treu bleiben und sich um den Haushalt kümmern. Damit zeigt das Gedicht, dass die Generationenkonflikte zwischen Mutter und Tochter am Ende überbrückt werden können.

Schlüsselwörter

allen mädchen hedchen mutter mann behüte leben daneben

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Ein ausgelaßenes Mädchen / Und sizt auf jeglichem Knie
Direkte Rede
Bereit nur Mütterchen halte / Den Brautkranz! Otto der alte / Hat Geld und eignen Herd.
Kontrast
Mein Kind, wie glühn Dir die Wangen! / Dich warnt Erfahrung und Alter: flieh!
Metapher
Wie duftig weht es, wie labend / Von Bohnenblüten und Heu!
Parallelismus
Nimm Einen Mann für das Leben; / Ein Schäferstündchen daneben
Personifikation
Wo durch Kastaniendunkel / Erzittert rothes Gefunkel
Rhetorische Frage
O Mutter lächelte Hedchen, / Warum so mürrisch?
Vergleich
Hast Du gesehn, wie die Taube / Mit grünlich goldner Haube / Dem Täuber bietet den Mund?
Wiederholung
Behüte, Mädchen, behüte! / Willfährst Du allen mit Güte