Muth
1794Wie es blitzt und kracht! Heiß, heiß Ist die Schlacht, Wo es einschlägt, wer weiß? Sie stürzen im Rücken, vorn und neben, Wie viele Minuten noch werd’ ich leben?
Hart am Feind Stehen vereint, Stehen die Alten, Greise Gestalten, Steh’n, die vor sechzig Jahren Jung miteinander waren, Zusammen gesungen, geliebt, gelacht, Zusammen an’s Alter nicht gedacht, Zusammen andre Zeiten geseh’n, Untereinander sich noch versteht.
Bei den Geschützen da drüben, Die so blutige Arbeit üben, Der finst’re Hauptmann, wer mag er sein, Der Feuer! und wieder Feuer! brüllt, Jetzt sichtbar im rothen Wiederschein, Jetzt vom qualmenden Dampfe verhüllt? Fern steht er, doch seh’ ich ihn wohl, Seine Augen seh’ ich, sie sind hohl! Wie der Helm auf seinem Schädel schlottert, Der Küraß um seine Rippen lottert! Grausen! Grausen!
Aber mitten im Sausen, Im Zischen der Kugeln und Gekrach, Der Fallenden Schrei, der Sterbenden Ach, Welch’ mächtige Stimme? Wo tönt sie her, Als sänge der Held, der Taillefer? Wie kann sie mit ihrem Singen Durch das Schlachtgetös nur dringen? Ist es ein lebender Menschensohn? Ist es von oben Geisterton? Die Weise, wie hebt sie das Herz empor! Was dringt für ein herrlicher Spruch hervor! »Der dem Tod in’s Angesicht schauen kann, Der Soldat allein ist der freie Mann.« Und wieder hört, höret das große Wort, Wie schallt es und hallt in der Seele fort: »Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein!«
Hab’ Dank, du tapf’re, du hohe Wacht! Hab’ Dank, du getreue, du sichere Hut! Wie mahnest du gut! Das Leben ist eine Schlacht! Eine Schlacht ist das Leben! Soldaten sind wir, sollen nicht beben! Der Feige stirbt zehnmal, eh’ er stirbt, Der Muthige nur das Leben erwirbt, Und wär’ es dein letztes Lebenslicht, Frei schaue dem Tod in’s Angesicht!
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Interpretation
Das Gedicht "Muth" von Friedrich Theodor Vischer thematisiert die Schrecken und die Angst im Krieg, aber auch den Mut und die Tapferkeit der Soldaten. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung des Schlachtfelds, auf dem es blitzt und kracht und heiß hergeht. Der Sprecher fragt sich, wie viele Minuten er noch zu leben hat, da die Kugeln von allen Seiten kommen. Doch mitten im Chaos stehen die alten Soldaten vereint und halten zusammen, obwohl sie wissen, dass sie sterben könnten. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt den Hauptmann, der die Soldaten zum Feuern auffordert. Er steht fernab vom Geschehen, aber seine Augen sind hohl und sein Helm und sein Küraß sind zerrissen. Der Sprecher empfindet Grauen angesichts dieser Szene. Doch dann ertönt eine mächtige Stimme, die wie ein Held singt. Es ist unklar, ob es ein lebender Mensch oder ein Geist ist, der diese Stimme ausstößt. Die Worte, die ertönen, sind ermutigend und besagen, dass nur der Soldat ein freier Mann ist, der dem Tod ins Auge blicken kann. Der Sprecher dankt dieser Stimme und erkennt, dass das Leben eine Schlacht ist und dass Mut und Tapferkeit notwendig sind, um sie zu bestehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Fern steht er, doch seh' ich ihn wohl,
- Anapher
- Heiß, heiß Ist die Schlacht, Wo es einschlägt, wer weiß?
- Anspielung
- Wie kann sie mit ihrem Singen Durch das Schlachtgetös nur dringen?
- Hyperbel
- Der Feige stirbt zehnmal, eh' er stirbt,
- Kontrast
- Der Muthige nur das Leben erwirbt,
- Metapher
- Das Leben ist eine Schlacht! Eine Schlacht ist das Leben!
- Parallelismus
- Stehen vereint, Stehen die Alten, Greise Gestalten,
- Personifikation
- Wie mahnest du gut!
- Rhetorische Frage
- Wie kann sie mit ihrem Singen Durch das Schlachtgetös nur dringen?
- Wiederholung
- Hab' Dank, du tapf're, du hohe Wacht! Hab' Dank, du getreue, du sichere Hut!