Musik

Ernst Wilhelm Lotz

unbekannt

Im Wasgenwald tönte der Abendwind. Ich ging in Straßburgs Sommerstraßen. Vom Wasgenwald wehte Musik über Dächern, daß alle die Giebel und blanken Zinken erglühend zitterten.

Ums Münster aber war die Luft von Purpur. Hier, auf den Flügeln des Westes herübergekommen, hier sank das Lied der rot erstaunten Wälder herab, hier wo Musik in Steinen wohnt.

Ihr großen Wälder mit den alten Stämmen und Felsen, rauh gezackt, dämmernde Dörfer, so tief versenkt in roter Nebel Flut, und Wohlgerüche, die der Abend atmet.

Also voll Süße war das Spiel der Lüfte, daß ich, nachlauschend dem Verklungenen, hier mitten im bunten Kreisen der Stadt, nur unter Tannen schritt, die waldig wogten, nur Büsche glühen sah und Johanniswürmer, und vor mir, der ich folgte, solch ein Mädchen, das wie aus Tau gebaut war.

Und fern ein Licht, mein Haus, darin ich feiern würde ein Fest der Sommerliebe bei rotem Wein und leisem Geigenstreichen.

Ja deine Lippen dufteten so nach Harz und feuchten Gräsern, die ein Reh zerknickt. Ja du warst süß und berauschend wie das Lied, das von den rot geschauten Bergen vorhin in meine Adern gezittert ist.

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Illustration zu Musik

Interpretation

Das Gedicht "Musik" von Ernst Wilhelm Lotz schildert eine sinnliche Reise durch eine sommerliche Stadt, die von der Musik eines Abendwindes aus dem Wasgenwald erfüllt ist. Der Sprecher durchquert die Straßen Straßburgs, wo die Musik über den Dächern schwebt und die Gebäude zum Leuchten bringt. Besonders um den Münsterturm herum ist die Luft von einem purpurroten Schimmer durchdrungen, der die Musik in den Steinen zum Wohnen bringt. Die Bilder der tief im roten Nebel versunkenen Wälder, Felsen und Dörfer werden mit Wohlgerüchen und der Süße des Lüftespiels verwoben. Der Sprecher fühlt sich inmitten der bunten Stadt wie unter Tannen, die waldig wogen. Er sieht nur Büsche glühen und Johanniswürmer und folgt einem Mädchen, das wie aus Tau gebaut ist. Ein fernes Licht zeigt ihm den Weg zu seinem Haus, wo er ein Fest der Sommerliebe mit rotem Wein und leisem Geigenstreichen feiern möchte. Im letzten Vers des Gedichts wird die Verbindung zwischen der Musik, der Natur und der sinnlichen Erfahrung des Sprechers hergestellt. Die Lippen des Mädchens duften nach Harz und feuchten Gräsern, wie es ein Reh zerknickt. Sie ist süß und berauschend wie das Lied, das zuvor aus den rot geschauten Bergen in die Adern des Sprechers gezittert ist. Die Musik wird somit zum verbindenden Element zwischen der äußeren Natur, der inneren Erfahrung und der zwischenmenschlichen Begegnung.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildlichkeit
rot geschauten Bergen
Hyperbel
ein Fest der Sommerliebe bei rotem Wein und leisem Geigenstreichen
Oxymoron
rot erstaunte Wälder
Symbolik
Licht, mein Haus