Musik
1918Wüsste ich für wen ich spiele, ach! immer könnt ich rauschen wie der Bach.
Ahnte ich, ob tote Kinder gern tönen hören meinen innern Stern;
ob die Mädchen, die vergangen sind, lauschend wehn um mich im Abendwind.
Ob ich einem, welcher zornig war, leise streife durch das Totenhaar…
Denn was wär Musik, wenn sie nicht ging weit hinüber über jedes Ding.
Sie, gewiss, die weht, sie weiss es nicht, wo uns die Verwandlung unterbricht.
Dass uns Freunde hören, ist wohl gut -, aber sie sind nicht so ausgeruht
wie die Andern, die man nicht mehr sieht: tiefer fühlen sie ein Lebens-Lied,
weil sie wehen unter dem, was weht, und vergehen, wenn der Ton vergeht.
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Interpretation
Das Gedicht "Musik" von Rainer Maria Rilke ist eine tiefgründige Reflexion über die Natur und Wirkung von Musik. Es beginnt mit der Sehnsucht des Musikers, für jemand Bestimmtes zu spielen, was ihm ermöglichen würde, ungehemmt zu musizieren wie ein Bach. Der Dichter fragt sich, ob die Musik der Verstorbenen, wie verstorbene Kinder oder verstorbene Mädchen, gefallen würde. Er überlegt sogar, ob seine Musik einem zornigen Menschen Trost spenden könnte. In der zweiten Hälfte des Gedichts erweitert Rilke die Betrachtung auf die universelle Bedeutung von Musik. Er beschreibt Musik als etwas, das weit über das Sichtbare hinausgeht und eine transformative Kraft besitzt. Musik wird als etwas Lebendiges dargestellt, das weht und nicht weiß, wo die Verwandlung, die sie bewirkt, aufhört. Der Dichter stellt fest, dass es zwar gut ist, wenn Freunde die Musik hören, aber die Verstorbenen, die man nicht mehr sieht, tiefer und intensiver auf die Musik reagieren. Sie fühlen das Lebenslied intensiver, weil sie selbst unter dem wehen, was weht, und vergehen, wenn der Ton vergeht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- weit hinüber über jedes Ding
- Metapher
- weil sie wehen unter dem, was weht, und vergehen, wenn der Ton vergeht
- Personifikation
- Sie, gewiss, die weht, sie weiss es nicht