Musen und Grazien in der Mark
1749O wie ist die Stadt so wenig; Laßt die Maurer künftig ruh′n! Unsre Bürger, unser König Könnten wohl was Bessers tun. Ball und Oper wird uns töten; Liebchen, komm auf meine Flur! Denn besonders die Poeten, Die verderben die Natur.
O wie freut es mich, mein Liebchen, Daß du so natürlich bist! Unsre Mädchen, unsre Bübchen Spielen künftig auf dem Mist. Und auf unsern Promenaden Zeigt sich erst die Neigung stark. Liebes Mädchen! laß uns waten, Waten noch durch diesen Quark.
Dann im Sand uns zu verlieren, Der uns keinen Weg versperrt! Dich den Anger hin zu führen, Wo der Dorn das Röckchen zerrt! Zu dem Dörfchen laß uns schleichen Mit dem spitzen Turme hier; Welch ein Wirtshaus sondergleichen! Trocknes Brot und saures Bier!
Sagt mir nichts von gutem Boden, Nichts vom Magdeburger Land! Unsre Samen, unsre Toten, Ruhen in dem leichten Sand. Selbst die Wissenschaft verlieret Nichts an ihren! raschen Lauf; Denn bei uns, was vegetieret, Alles keimt getrocknet auf.
Geht es nicht in unserm Hofe Wie im Paradiese zu? Statt der Dame, statt der Zofe Macht die Henne glu! glu! glu! Uns beschäftigt nicht der Pfauen, Nur der Gänse Lebenslauf; Meine Mutter zieht die grauen, Meine Frau die weißen auf.
Laß den Witzling uns besticheln! Glücklich, wenn ein deutscher Mann Seinem Freunde Vetter Micheln Guten Abend bieten kann. Wie ist der Gedanke labend: “Solch ein Edler bleibt uns nah!” Immer sagt man: “Gestern abend War doch Vetter Michel da!”
Und in unsern Liedern keimet Silb aus Silbe, Wort aus Wort. Ob sich gleich auf Deutsch nichts reimet, Reimt der Deutsche dennoch fort. Ob es kräftig oder zierlich, Geht uns so genau nicht an; Wir sind bieder und natürlich, Und das ist genug getan.
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Interpretation
Das Gedicht "Musen und Grazien in der Mark" von Johann Wolfgang von Goethe ist eine humorvolle und kritische Auseinandersetzung mit dem ländlichen Leben in der Mark Brandenburg. Der Dichter nimmt dabei eine ironische Haltung gegenüber den vermeintlichen kulturellen Errungenschaften der Stadt ein und preist stattdessen die Einfachheit und Natürlichkeit des Landlebens. Im ersten Teil des Gedichts kritisiert Goethe die Stadt und ihre Bewohner, die sich mit Bällen und Opern vergnügen. Er fordert die Maurer auf, ihre Arbeit ruhen zu lassen und die Bürger sowie den König aufzufordern, etwas Besseres zu tun. Der Dichter selbst zieht es vor, mit seiner Liebsten auf die Flur zu gehen und die Natur zu genießen, da er der Meinung ist, dass die Poeten die Natur verderben. Im zweiten Teil des Gedichts freut sich der Sprecher darüber, dass seine Liebste so natürlich ist. Er beschreibt, wie die Kinder auf dem Mist spielen und die Neigung auf den Promenaden stark wird. Der Sprecher lädt seine Liebste ein, mit ihm durch den Quark zu waten und sich im Sand zu verlieren. Er möchte sie auf die Wiese führen, wo der Dorn das Röckchen zerreißt, und mit ihr zum Dorf schleichen, wo es ein Wirtshaus mit trockenem Brot und saurem Bier gibt. Im dritten Teil des Gedichts betont der Sprecher die Einfachheit und Natürlichkeit des Lebens in der Mark. Er vergleicht seinen Hof mit dem Paradies und beschreibt, wie die Henne anstelle der Dame oder Zofe "glu! glu! glu!" macht. Er erwähnt auch, dass sich seine Mutter um die grauen und seine Frau um die weißen Gänse kümmert. Der Sprecher zeigt sich zufrieden mit dem einfachen Leben und der deutschen Sprache, auch wenn sich auf Deutsch nichts reimt. Er betont, dass sie bieder und natürlich sind und dass dies genug getan ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anspielung
- Geht es nicht in unserm Hofe / Wie im Paradiese zu?
- Bildsprache
- Liebes Mädchen! laß uns waten, / Waten noch durch diesen Quark.
- Hyperbel
- Ball und Oper wird uns töten
- Ironie
- Glücklich, wenn ein deutscher Mann / Seinem Freunde Vetter Micheln / Guten Abend bieten kann.
- Kontrast
- O wie freut es mich, mein Liebchen, / Daß du so natürlich bist!
- Metapher
- Laßt die Maurer künftig ruh'n! / Unsre Bürger, unser König / Könnten wohl was Bessers tun.
- Onomatopoesie
- Macht die Henne glu! glu! glu!
- Personifikation
- Ball und Oper wird uns töten
- Reim
- Ob sich gleich auf Deutsch nichts reimet, / Reimt der Deutsche dennoch fort.
- Selbstironie
- Ob es kräftig oder zierlich, / Geht uns so genau nicht an; / Wir sind bieder und natürlich, / Und das ist genug getan.
- Symbolik
- Dann im Sand uns zu verlieren, / Der uns keinen Weg versperrt!
- Vergleich
- Laß den Witzling uns besticheln!
- Wiederholung
- Statt der Dame, statt der Zofe