Mund
1899Ich bin nur noch ein Mund, der zu Dir spricht, So schwand ich hin, verlor sich mein Gesicht Und all der Leib, zu dem ich mich versammelt. Ich bin nur noch ein Mund, der zu Dir stammelt, Der leben blieb, sein Sterben Dir zu künden: Er tut sich auf, und muß schon in Dich münden.
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Interpretation
Das Gedicht "Mund" von Maria Luise Weissmann handelt von der Reduzierung des Ichs auf seine sprachliche Ausdrucksfähigkeit. Der Sprecher beschreibt, wie er sich selbst verliert und nur noch als Mund existiert, der zu einem Gegenüber spricht. Das Gesicht und der Körper sind verschwunden, nur der Mund bleibt übrig, um zu stammeln und zu leben. In diesem Zustand der Reduktion auf das Sprechen hat der Mund die Aufgabe, das eigene Sterben dem Gegenüber zu verkünden. Er tut sich auf und muss zwangsläufig in den anderen münden. Dies kann als Versuch verstanden werden, durch Sprache eine Verbindung zum anderen herzustellen und sich mitzuteilen, auch wenn der Rest der Persönlichkeit verloren gegangen ist. Das Gedicht vermittelt eine Atmosphäre von Verlust, Auflösung und existenziellem Ringen. Die Sprache wird zum letzten Ausdrucksmittel eines Ichs, das sich selbst verloren hat. Gleichzeitig entsteht durch das Sprechen eine Brücke zum anderen, auch wenn sie nur noch über den Mund vermittelt wird. Die letzten Worte des Gedichts "münden" spielen auf diesen Aspekt der Verbindung und des In-einen-anderen-Übergehens an.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- verlor sich mein Gesicht
- Hyperbel
- Ich bin nur noch ein Mund
- Metapher
- Ich bin nur noch ein Mund, der zu Dir spricht
- Personifikation
- Der leben blieb, sein Sterben Dir zu künden
- Symbolik
- Mund als Symbol für Kommunikation und Ausdruck