Muckerlied
1799Tagtäglich zehn Mal beten, Und Bibelsprüch′ im Maul, Sonst hab′ ich Nichts vonnöthen, Bin ganz erschrecklich faul. Ich war ein armer Schlucker, Hatt′ kaum das liebe Brot, Da wurde ich ein Mucker: Nun hat es keine Noth!
Bei jeder neuen Sitzung, Die unsre Bande hält, Da wird mir Unterstützung Durch baares, blankes Geld. Daß ich bin fromm geworden, Hat mir doch sehr gefrommt! Vielleicht daß noch ein Orden Mir in das Knopfloch kommt.
Den Kopf gesenkt zur Erde Geh′ ich des Morgens aus; Mit heuchelnder Geberde Tret′ ich in′s Kaffeehaus, Trink′ Wasser dort mit Zucker Und werbe Fromme an: Kein Mensch ahnt, was ein Mucker Zu Hause saufen kann!
Zu hohem Zins verleih′ ich, Was ich beim Muckern spar′, Und meine Seele weih′ ich Herrn Jesu immerdar, Und den Gewinn notir′ ich Im frommen Liederheft, Auf diese Weise führ′ ich In Frieden mein Geschäft.
Des Abends im Theater Sitz′ ich mit gierem Sinn, Und schmunzle wie ein Kater Nach jeder Tänzerin; Mit meinem Operngucker Schau′ ich nach Wad′ und Brust; Ach lieber Gott! ein Mucker Hat auch so seine Lust!
Dann schleich′ ich still zur Klause, Da, wo mich Niemand sieht, Und nach dem Abendschmause Sing′ ich ein frommes Lied, Recht laut: von heil′ger Stätte, Von Jesu, Glanz und Thron! Daweile macht mein Bette Die kleine Köchin schon.
Ich preise die Regierung, Ich finde Alles gut; Ich fluche der Verführung Durch jetz′ge Freiheitsbrut; So leb′ ich armer Schlucker Ganz heiter, Gott sei Dank! Und das Geschäft als Mucker Treib′ ich mein Lebenlang.
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Interpretation
Das Gedicht "Muckerlied" von Adolf Glasbrenner beschreibt satirisch das Leben eines Heuchlers, der sich nach außen hin als frommer Mensch gibt, um von der Gesellschaft profitieren zu können. Der Erzähler, ein "Mucker", betet täglich und zitiert Bibelsprüche, um von der Gemeinschaft Unterstützung in Form von Geld zu erhalten. Durch diese Fassade der Frömmigkeit hat er es geschafft, aus seiner früheren Armut herauszukommen und nun ein bequemes Leben zu führen. Das Gedicht offenbart die Doppelmoral des Muckers, der tagsüber als frommer Mensch auftritt, aber nachts seine unmoralischen Gelüste auslebt. Er verleiht Geld zu hohen Zinsen, begehrt die Tänzerinnen im Theater und missbraucht die kleine Köchin. Trotz dieser unmoralischen Handlungen preist er weiterhin die Regierung und verflucht die "Freiheitsbrut", um sein frommes Image aufrechtzuerhalten. Das Gedicht kritisiert die Heuchelei und den Missbrauch von Religion zu persönlichem Vorteil.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung von Konsonanten am Anfang von Wörtern, z.B. 'Tagtäglich zehn Mal beten' und 'Bibelsprüch′ im Maul'.
- Anspielung
- Die Anspielung auf religiöse Praktiken und Symbole wie 'Bibelsprüch′', 'Herrn Jesu' und 'heil′ger Stätte'.
- Doppeldeutigkeit
- Die doppelte Bedeutung von 'Mucker', die sowohl auf einen frommen Menschen als auch auf einen Heuchler hindeutet.
- Hyperbel
- Die Übertreibung in 'Tagtäglich zehn Mal beten' betont die scheinheilige Frömmigkeit des Sprechers.
- Ironie
- Die Ironie in der Aussage 'Da wurde ich ein Mucker: Nun hat es keine Noth!' deutet darauf hin, dass der Sprecher durch Heuchelei zu Wohlstand gelangt ist.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen dem äußeren Erscheinungsbild des Sprechers als frommer Mensch und seinen tatsächlichen Absichten und Handlungen.
- Metapher
- Die Verwendung von 'Mucker' als Metapher für einen scheinheiligen Menschen, der fromm tut, aber in Wirklichkeit andere Absichten verfolgt.
- Personifikation
- Die Verleihung menschlicher Eigenschaften an abstrakte Konzepte, z.B. 'die Verführung durch jetz′ge Freiheitsbrut'.
- Reimschema
- Das Gedicht verwendet ein regelmäßiges Reimschema, wobei die Endungen der Zeilen sich reimen (z.B. 'beten' - 'Maul', 'vonnöthen' - 'faul').
- Symbolik
- Die Verwendung von 'Orden' als Symbol für Anerkennung und Belohnung für scheinheiliges Verhalten.