Morphine
1797Groß ist die Ähnlichkeit der beiden schönen Jünglingsgestalten, ob der eine gleich Viel blässer als der andre, auch viel strenger, Fast möcht′ ich sagen viel vornehmer aussieht - Als jener andre, welcher mich vertraulich In seine Arme schloss - Wie lieblich sanft War dann sein Lächeln und sein Blick wie selig! Dann mocht′ es wohl geschehn, dass seines Hauptes Mohnblumenkranz auch meine Stirn berührte Und seltsam duftend allen Schmerz verscheuchte Aus meiner Seel - Doch solche Linderung, Sie dauert kurze Zeit; genesen gänzlich Kann ich nur dann, wenn seine Fackel senkt Der andre Bruder, der so ernst und bleich. - Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser - freilich Das beste wäre, nie geboren sein.
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Interpretation
Das Gedicht "Morphine" von Heinrich Heine beschreibt die Begegnung des lyrischen Ichs mit zwei männlichen Gestalten, die als "Jünglingsgestalten" beschrieben werden. Die erste Gestalt erscheint als vertraut und sanft, mit einem lieblichen Lächeln und einem seligen Blick. Sie trägt einen Kranz aus Mohnblumen, der einen seltsamen Duft verströmt und den Schmerz aus der Seele des lyrischen Ichs vertreibt. Die zweite Gestalt wird als ernst und bleich beschrieben und wird mit einer Fackel in Verbindung gebracht. Die beiden Gestalten werden als Brüder bezeichnet, wobei die erste Gestalt als der "andre Bruder" bezeichnet wird. Dies deutet darauf hin, dass es sich bei den beiden Gestalten um eine symbolische Darstellung von Schlaf und Tod handeln könnte. Der Mohnblumenkranz, den die erste Gestalt trägt, könnte auf die betäubende Wirkung von Schlafmitteln wie Morphine hinweisen. Die Linderung, die durch die erste Gestalt und den Mohnblumenkranz gebracht wird, ist jedoch nur von kurzer Dauer. Das lyrische Ich kann nur vollständig genesen, wenn die zweite Gestalt, der ernste und bleiche Bruder, seine Fackel senkt. Dies könnte als Anspielung auf den Tod als endgültige Erlösung von Schmerz und Leid interpretiert werden. Das Gedicht endet mit einem pessimistischen Ausblick, in dem das lyrische Ich den Schlaf als gut und den Tod als besser bezeichnet. Der letzte Satz, "Das beste wäre, nie geboren sein", deutet auf eine tiefe Verzweiflung und Resignation hin. Das lyrische Ich scheint den Schmerz und die Leiden des Lebens als unerträglich zu empfinden und wünscht sich, nie geboren worden zu sein, um all das Leid zu vermeiden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Wie lieblich sanft War dann sein Lächeln und sein Blick wie selig
- Hyperbel
- Fast möcht' ich sagen viel vornehmer aussieht
- Kontrast
- Doch solche Linderung, Sie dauert kurze Zeit
- Metapher
- seine Fackel senkt
- Oxymoron
- seltsam duftend
- Personifikation
- Als jener andre, welcher mich vertraulich In seine Arme schloss
- Symbolik
- Mohnblumenkranz
- Triadische Anordnung
- Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser - freilich Das beste wäre, nie geboren sein
- Vergleich
- Groß ist die Ähnlichkeit der beiden schönen Jünglingsgestalten