Morgue
Da liegen sie bereit, als ob es gälte,
nachträglich eine Handlung zu erfinden,
die mit einander und mit dieser Kälte
sie zu verwöhnen weiß und zu verbinden;
denn das ist alles noch wie ohne Schluß.
Was für ein Name hätte in den Taschen
sich finden sollen? An dem Überdruß
um ihren Mund hat man herumgewaschen:
er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein.
Die Bärte stehen, noch ein wenig härter,
doch ordentlicher im Geschmack der Wärter,
nur um die Gaffenden nicht anzuwidern.
Die Augen haben hinter ihren Lidern
sich umgewandt und schauen jetzt hinein.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Morgue“ von Rainer Maria Rilke entwirft ein beklemmendes Bild des Leichenschauhauses, eines Ortes des Todes und der Abschiednahme. Die ersten vier Zeilen etablieren eine Atmosphäre der Unabgeschlossenheit und der Suche nach einer nachträglichen Handlung, die die Toten „verwöhnen“ und verbinden könnte. Die Verwendung von Adjektiven wie „Kälte“ und die Betonung der scheinbaren Bereitstellung der Leichen weisen auf eine gewisse künstliche Inszenierung des Todes hin, der durch die Umgebung verstärkt wird.
Die zweite Strophe vertieft das Gefühl der Unvollständigkeit. Die Frage nach den Namen in den Taschen der Toten deutet auf eine Identitätslosigkeit hin, die über den Tod hinauswirkt. Die Beschreibung des „Überdrusses“ um den Mund und das erfolglose Waschen verstärken den Eindruck der Starre und der Unveränderlichkeit des Todes. Das Reinigen des Mundes, das nicht den erwünschten Effekt erzielt, unterstreicht die Unmöglichkeit, das Leid und die Erfahrungen der Toten auszulöschen oder zu verändern.
In der dritten Strophe werden Details wie die „härteren“ Bärte und die „ordentlicheren“ Geschmäcker der Wärter beschrieben. Diese scheinbar nebensächlichen Elemente verweisen auf eine sterile Ordnung, die durch den Tod erzeugt wird. Die Bärte, die vielleicht ein Symbol des Lebens und der Individualität waren, werden durch den Tod verhärtet und die Wärter scheinen sie „ordentlich“ zu finden, um die Lebenden nicht zu „widern“.
Das abschließende Sonett der Gedichtes konzentriert sich auf die Augen der Toten, die sich „umgewandt und schauen jetzt hinein“. Diese Metapher ist besonders eindrucksvoll, da sie den Blick des Todes auf die Welt der Lebenden lenkt. Es impliziert eine Beobachtung und eine Auseinandersetzung der Toten mit dem, was zurückgelassen wurde, ein Gefühl des Infragestellens und der Kontemplation des Todes und der Leere. Die Verwendung des Konjunktivs, dass die Handlung „zu erfinden“ ist, deutet auf die menschliche Hilflosigkeit und das Bestreben hin, einen Sinn im Angesicht des Todes zu finden.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.