Morgue

Rainer Maria Rilke

1875

Da liegen sie bereit, als ob es gälte, nachträglich eine Handlung zu erfinden, die mit einander und mit dieser Kälte sie zu verwöhnen weiß und zu verbinden;

denn das ist alles noch wie ohne Schluß. Was für ein Name hätte in den Taschen sich finden sollen? An dem Überdruß um ihren Mund hat man herumgewaschen:

er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein. Die Bärte stehen, noch ein wenig härter, doch ordentlicher im Geschmack der Wärter,

nur um die Gaffenden nicht anzuwidern. Die Augen haben hinter ihren Lidern sich umgewandt und schauen jetzt hinein.

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Morgue

Interpretation

Das Gedicht "Morgue" von Rainer Maria Rilke beschreibt die Atmosphäre in einem Leichenschauhaus und die Veränderungen, die der Tod an den Toten vornimmt. Die Toten liegen bereit, als ob sie auf eine Handlung warten, die sie verbinden und verwöhnen könnte. Doch diese Handlung bleibt aus, und alles bleibt unvollendet. Die Toten haben keine Namen mehr, und ihr Überdruss wurde zwar abgewaschen, aber nicht beseitigt. Er wurde nur rein. Die Toten werden von den Wärtern gepflegt, die ihre Bärte ordentlicher und härter stehen lassen, um die Neugierigen nicht zu verärgern. Doch die Augen der Toten haben sich hinter ihren Lidern umgewandt und schauen jetzt hinein. Sie sind nicht mehr nach außen gerichtet, sondern nach innen. Sie haben ihre Verbindung zur Welt verloren und sind in sich selbst gefangen. Das Gedicht beschreibt die Endgültigkeit des Todes und die Veränderungen, die er an den Toten vornimmt. Es zeigt auch die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber den Toten, die von den Wärtern nur noch gepflegt werden, um die Neugierigen nicht zu verärgern. Die Toten sind nicht mehr Teil der Welt, sondern haben sich in sich selbst zurückgezogen.

Schlüsselwörter

liegen bereit gälte nachträglich handlung erfinden einander kälte

Wortwolke

Wortwolke zu Morgue

Stilmittel

Metapher
Die Augen haben hinter ihren Lidern sich umgewandt und schauen jetzt hinein
Personifikation
die mit einander und mit dieser Kälte sie zu verwöhnen weiß und zu verbinden