Morgens
1914Ein starker Wind sprang empor. Öffnet des eisernen Himmels blutende Tore. Schlägt an die Türme. Hellklingend laut geschmeidig über die eherne Ebene der Stadt. Die Morgensonne rußig. Auf Dämmen donnern Züge. Durch Wolken pflügen goldne Engelpflüge. Starker Wind über der bleichen Stadt. Dampfer und Kräne erwachen am schmutzig fließenden Strom. Verdrossen klopfen die Glocken am verwitterten Dom. Viele Weiber siehst du und Mädchen zur Arbeit gehn. Im bleichen Licht. Wild von der Nacht. Ihre Röcke wehn. Glieder zur Liebe geschaffen. Hin zur Maschine und mürrischem Mühn. Sieh in das zärtliche Licht. In der Bäume zärtliches Grün. Horch! Die Spatzen schrein. Und draußen auf wilderen Feldern Singen Lerchen.
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Interpretation
Das Gedicht "Morgens" von Jakob van Hoddis beschreibt einen turbulenten Morgen in einer städtischen Umgebung. Der starke Wind bricht durch die "blutenden Tore" des eisernen Himmels und hallt über die Stadt, die als "eherne Ebene" dargestellt wird. Die Morgensonne erscheint rußig, und Züge donnern über Dämme, während goldene Engelspflüge durch Wolken pflügen. Der Wind fegt über die bleiche Stadt, und Dampfer sowie Kräne erwachen am schmutzigen Fluss. Die Glocken des verwitterten Doms klopfen verdrossen, und Frauen und Mädchen gehen zur Arbeit, ihre Röcke im bleichen Licht wild wehend von der Nacht. Die zweite Hälfte des Gedichts lenkt den Blick auf die Menschen und die Natur. Die Körper der Frauen, "zur Liebe geschaffen", bewegen sich zur Maschine und mürrischer Arbeit. Der Dichter fordert auf, in das zärtliche Licht und das zarte Grün der Bäume zu blicken. Die Spatzen schreien, und auf wilderen Feldern singen Lerchen. Diese Gegenüberstellung von städtischem Chaos und ländlicher Idylle unterstreicht den Kontrast zwischen der harten Realität des modernen Lebens und der Schönheit der Natur. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Atmosphäre des Aufbruchs und der Bewegung, die jedoch von einem Gefühl der Disharmonie und des Verfalls durchzogen ist. Die Stadt wird als kalt und metallisch beschrieben, während die Natur als zart und lebendig dargestellt wird. Die Menschen erscheinen als Teil dieser Maschinerie, ihre Körper zur Arbeit gezwungen, aber dennoch in der Lage, Schönheit zu erkennen und zu schätzen. Das Gedicht fängt die Komplexität des modernen Lebens ein, in dem Fortschritt und Zerfall, Schönheit und Härte nebeneinander existieren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Bäume zärtliches Grün
- Bildsprache
- Im bleichen Licht
- Kontrast
- draußen auf wilderen Feldern
- Metapher
- Glieder zur Liebe geschaffen
- Onomatopoesie
- Horch! Die Spatzen schrein
- Personifikation
- Verdrossen klopfen die Glocken