Morgenlied
1810Gott, unter deiner Vaterhut Hab’ ich die Nacht so sanft geruht, Daß ich erquickt nun in die Höh Der Morgensonn’ entgegen seh.
Wohin ich blicke, redest du Mit Wohlthat mir und Güte zu; Mein erster Hauch sey Lobgesang, Mein letzter Athemzug sey Dank.
Du gießest Freuden, wie ein Meer, Um alle deine Kinder her; Und nur allein der Thor vergißt, Daß er ein Mensch mit Menschen ist.
Gib, daß ich diesen ganzen Tag Mich deiner Güte freuen mag; Wend’ Unglück ab nach deiner Huld, Und wenn es kommt, gib mir Geduld.
Nur deine Hand theilt Segen aus, Gib Segen in mein kleines Haus; Laß gern mich nutzen jedermann, Und willig helfen, wo ich kann.
Der Erde köstlichster Gewinn Ist frohes Herz und reiner Sinn; Und diesen, Vater, schenke mir, So wall’ ich ruhig hin zu dir.
Du hast mir wieder neue Kraft Zu meinem Tagewerk geschafft; Verjüngt sind wieder Fuß und Hand Zu ihrer Arbeit leicht gespannt.
Wenn einst nach meines Todes Nacht Zu deinem Licht mein Aug’ erwacht, Dann eil’ ich, himmlischer erfreut, In jenes Lebens Ewigkeit.
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Interpretation
Das Gedicht "Morgenlied" von Johann Gottfried Seume ist ein Loblied auf die göttliche Vorsehung und Dankbarkeit für die Schönheit des Lebens. Der Sprecher dankt Gott für die erholsame Nacht und die Kraft, die er für den neuen Tag erhalten hat. Er sieht die Morgensonne als Zeichen göttlicher Güte und ist dankbar für die Freuden, die Gott seinen Kindern schenkt. Der zweite Teil des Gedichts enthält eine Bitte an Gott, den Sprecher durch den Tag zu führen und ihm die Kraft zu geben, anderen zu helfen und Segen zu bringen. Der Sprecher wünscht sich ein frohes Herz und einen reinen Sinn, um ruhig und gelassen durchs Leben zu gehen. Er bittet Gott auch um Geduld, falls Unglück geschehen sollte. Im letzten Teil des Gedichts blickt der Sprecher über den Tod hinaus und hofft darauf, nach seinem Ableben in Gottes ewiges Licht aufgenommen zu werden. Er freut sich darauf, in ein neues, himmlisches Leben einzugehen und dankt Gott für die Kraft, die er ihm für sein irdisches Wirken geschenkt hat. Das Gedicht endet mit einem hoffnungsvollen Ausblick auf die ewige Gemeinschaft mit Gott.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Gib, daß ich diesen ganzen Tag / Mich deiner Güte freuen mag; / Wend' Unglück ab nach deiner Huld, / Und wenn es kommt, gib mir Geduld.
- Hyperbel
- Du gießest Freuden, wie ein Meer
- Metapher
- Der Erde köstlichster Gewinn / Ist frohes Herz und reiner Sinn
- Parallelismus
- Mein erster Hauch sey Lobgesang, / Mein letzter Athemzug sey Dank.
- Personifikation
- Wenn einst nach meines Todes Nacht / Zu deinem Licht mein Aug' erwacht