Morgenlied

Annette von Droste-Hülshoff

1797

Der Morgenstrahl Steht auf dem Tal, Die Nebel ziehen drunter her, Und auf der Au Liegt still der Tau Wie Perlen in dem weißen Meer. Wie ich nun Alles recht beschaut, Da wird mir′s rege im Gemüte, Daß Alles nur ein Wort, ein Laut, O Gott, von deiner Lieb und Güte!

Die Erd′ in Pracht Hast du gemacht Für mich, dein ungetreues Kind, Und den Azur Der Wolkenflur, Für mich den frischen Morgenwind. Ach, alle Worte sind zu schwach, Um deine Liebe zu verkünden, Und dennoch läßt mein Streben nach, Und jeder Tag sieht mich in Sünden.

Herr, steh mir bei, Der du aufs Neu Mir einen jungen Tag verliehn; Der Geist ist wach, Das Fleisch ist schwach, Und ohne Frucht ist mein Bemühn. Doch deine Hand ist stark und fest, Will ich nur willig sie umfassen; Ach, wer nicht selber dich verläßt, Den hast du nimmermehr verlassen.

O Herr, wenn oft Und unverhofft Mich kleine Kränkungen bedrohn, Sei mein Gesicht Zu dir gericht′, Und mein Gedanke sei: dein Lohn! Ach, manches Leiden groß und schwer Gabst du mir Gnade zu besiegen, Und vor der kleinen Sorgen Heer Sollt′ meine Stärke unterliegen?

Herr, mich befrei Von falscher Scheu, Von Hoffahrt und von Ungeduld, Und all mein Sinn Sich wende hin Zu deinem Kreuz und meiner Schuld. Wer diesen Tag mich schmäht und kränkt, Dem laß mich gern und treu verzeihen, Und ihn laß, eh die Nacht sich senkt, Vor dir sein Unrecht still bereuen.

Zu deinem Preis, Auf dein Geheiß Will ich an meine Pflichten gehn; Wie auch die Welt Sie rings umstellt, Ich will nur deinen Willen sehn. Mein Wirken über Haus und Kind, Das ruht in deinen weisen Händen, Was sich mit deinem Preis beginnt, Das muß zu deinem Ruhme enden.

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Illustration zu Morgenlied

Interpretation

Das Gedicht "Morgenlied" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt die Schönheit der Natur am Morgen und die tiefe religiöse Verbundenheit der Autorin. Die ersten Strophen malen ein idyllisches Bild der Morgendämmerung, bei dem die Autorin die Pracht der Schöpfung bewundert und diese als Ausdruck der göttlichen Liebe und Güte interpretiert. Sie fühlt sich als Teil dieser Schöpfung, erkennt jedoch gleichzeitig ihre eigene Unwürdigkeit als "ungetreues Kind". In den folgenden Strophen reflektiert die Autorin über ihre eigene Schwäche und Sündhaftigkeit. Trotz der täglichen Gnade eines neuen Tages und der Erkenntnis der göttlichen Liebe, versagt sie immer wieder in ihrem Streben nach Vollkommenheit. Sie bittet Gott um Hilfe und Unterstützung, da sie sich ihrer menschlichen Schwäche bewusst ist und ohne göttliche Führung keinen Erfolg erzielen kann. Die letzten Strophen enthalten konkrete Bitten an Gott, die Autorin von negativen Eigenschaften wie falscher Scheu, Hoffart und Ungeduld zu befreien. Sie möchte ihre Gedanken auf das Kreuz Christi und ihre eigene Schuld richten und anderen vergeben, die sie kränken. Das Gedicht endet mit der Entschlossenheit, ihre Pflichten im Einklang mit dem göttlichen Willen zu erfüllen und alle Handlungen zu Gottes Ruhm zu bringen, unabhängig von den Widrigkeiten der Welt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Von falscher Scheu, Von Hoffahrt und von Ungeduld
Bildsprache
Zu deinem Kreuz und meiner Schuld
Kontrast
Der Geist ist wach, Das Fleisch ist schwach
Rhetorische Frage
Und vor der kleinen Sorgen Heer Sollte meine Stärke unterliegen?
Vergleich
Wie Perlen in dem weißen Meer