Morgenlied eines Gefangenen

Christian Friedrich Daniel Schubart

1777

Walt′s Gott, der Tag bricht wieder an, Und weckt mich aus der Ruh′; Wohlauf, betritt die Dornenbahn! Du, meine Seele, du!

Da neben meinem Bette steht Mein Kreuz, ich nehm es auf, Und schick′ ein weinendes Gebet Zum lieben Gott hinauf.

Er wird mir′s tragen helfen, ach! Ich weiß es, Gott ist gut; Unmächtig bin ich, krank und schwach, Er aber giebt mir Muth;

Daß mich die Hoffnung nicht verläßt, Geduld nicht von mir weicht, Wenn Langeweile, wie die Pest, Im Finstern mich beschleicht.

Wenn Schwermuth meine Seele drück, Wenn jede Nerve dröhnt, Wenn Satan spöttisch auf mich blickt, Und meinen Glauben höhnt.

Wenn mich es martert, daß die Welt So schimpflich mich verwarf, Und wenn mir eine Thrän′ entfällt, Weil ich nicht reden darf.

Nicht reden darf mit einem Freund, Nicht scherzen mit dem Kind, Soll schweigen, wie ein Menschenfeind, Wenn Brüder um mich sind.

Wenn meine Zelle stumm und todt Mir Brust und Geist verengt, Und wenn wie Blut das Morgenroth An meinen Wänden hängt;

Wenn fürchterlich das Kerkerschloß Klirrt in mein Morgenlied, Und wenn mein Aug′ im Felsenschooß Nur Elend um sich sieht:

So weiß ich, Gott im Himmel giebt Mir Armen wieder Muth, Denn er, der die Verlaßne liebt, Ist mir Verlaßnen gut.

Und so im Namen Jesu tret` Ich auf die Dornenbahn, Und glaub′ und hoff , und les′ und bet′, Und sing′, so gut ich kann.

Bald kommt ein Tag, der mich befreit Aus meinem Angstgedräng, Nur Freiheit macht die Seele weit, Und Knechtschaft macht sie eng.

Dann preis′ ich dich im weiten Raum, Dich, Helfer in der Noth, Und halte ohne Zwang und Zaum Dein göttliches Gebot.

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Illustration zu Morgenlied eines Gefangenen

Interpretation

Das Gedicht "Morgenlied eines Gefangenen" von Christian Friedrich Daniel Schubart beschreibt die innere Auseinandersetzung eines Gefangenen mit seinem Schicksal. Der Sprecher erwacht jeden Morgen und nimmt sein Kreuz auf, um zu Gott zu beten und um Kraft zu bitten. Trotz seiner Schwäche und der Qualen, die er durch die Einsamkeit, Langeweile und das Verbot zu sprechen erleidet, gibt ihm die Hoffnung und der Glaube an Gott die nötige Geduld und den Mut, die Dornenbahn seines Lebens zu betreten. Der Gefangene leidet unter der Trennung von seinen Liebsten und der Enge seiner Zelle, die ihm Brust und Geist verengt. Die Beschreibung des Morgengrauens, das wie Blut an den Wänden hängt, unterstreicht die bedrückende Atmosphäre seiner Gefangenschaft. Doch selbst in diesen dunkelsten Stunden weiß der Sprecher, dass Gott ihm wieder Mut geben wird, da er die Verlassenen liebt und auch ihm, einem Verlassenen, beisteht. Das Gedicht endet mit der Hoffnung auf die baldige Befreiung aus dem "Angstgedräng". Der Sprecher freut sich darauf, in Freiheit Gott im weiten Raum preisen zu können und sein göttliches Gebot ohne Zwang und Zwang zu halten. Bis dahin wird er im Namen Jesu auf die Dornenbahn treten, glauben, hoffen, lesen, beten und singen, so gut er kann.

Schlüsselwörter

gott seele gut tag dornenbahn weiß giebt muth

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Stilmittel

Alliteration
Walt's Gott, der Tag bricht wieder an
Anapher
Wenn meine Zelle stumm und todt Mir Brust und Geist verengt, Und wenn wie Blut das Morgenroth An meinen Wänden hängt
Bildsprache
Wie Blut das Morgenroth An meinen Wänden hängt
Hyperbel
Wenn Langeweile, wie die Pest
Kontrast
Freiheit macht die Seele weit, Und Knechtschaft macht sie eng
Metapher
Dornenbahn
Personifikation
Satan blickt spöttisch auf mich
Symbolik
Kreuz