Morgenlied (2)

Joseph von Eichendorff

1857

Ein Stern still nach dem andern fällt Tief in des Himmels Kluft, Schon zucken Strahlen durch die Welt, Ich wittre Morgenluft.

In Qualmen steigt und sinkt das Tal; Verödet noch vom Fest Liegt still der weite Freudensaal, Und tot noch alle Gäst.

Da hebt die Sonne aus dem Meer Eratmend ihren Lauf; Zur Erde geht, was feucht und schwer, Was klar, zu ihr hinauf.

Hebt grüner Wälder Trieb und Macht Neurauschend in die Luft, Zieht hinten Städte, eitel Pracht, Blau Berge durch den Duft.

Spannt aus die grünen Tepp′che weich, Von Strömen hell durchrankt, Und schallend glänzt das frische Reich, So weit das Auge langt.

Der Mensch nun aus der tiefen Welt Der Träume tritt heraus, Freut sich, daß alles noch so hält, Daß noch das Spiel nicht aus.

Und nun gehts an ein Fleißigsein! Umsumsend Berg und Tal, Agieret lustig groß und klein Den Plunder allzumal.

Die Sonne steiget einsam auf, Ernst über Lust und Weh Lenkt sie den ungestörten Lauf Zu stiller Glorie. -

Und wie er dehnt die Flügel aus, Und wie er auch sich stellt, Der Mensch kann nimmermehr hinaus Aus dieser Narrenwelt.

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Illustration zu Morgenlied (2)

Interpretation

Das Gedicht "Morgenlied (2)" von Joseph von Eichendorff beschreibt den Übergang von Nacht zu Tag und die damit verbundene Erneuerung und Aktivität des Lebens. Es beginnt mit dem Fall der Sterne und dem Anbruch der Morgendämmerung, was auf einen Neuanfang hindeutet. Das Tal und der "Freudensaal" werden als ruhig und verlassen dargestellt, was auf eine Pause oder einen Ruhezustand nach einem Fest hinweist. Die Sonne steigt aus dem Meer empor und bringt Leben und Bewegung in die Welt. Die Natur erwacht, Wälder und Städte werden belebt, und die Landschaft entfaltet sich in ihrer ganzen Pracht. Die Menschen treten aus ihren Träumen heraus und freuen sich über die Beständigkeit und Schönheit der Welt. Sie beginnen ihren Tag mit Fleiß und Aktivität, umgeben von der Sonne, die ihren ungestörten Lauf nimmt. Das Gedicht endet mit einer Reflexion über die menschliche Existenz in dieser "Narrenwelt". Trotz aller Bemühungen und Aktivitäten ist der Mensch in dieser Welt gefangen und kann ihr nicht entkommen. Die Sonne, als Symbol für die Zeit und das Leben, nimmt ihren Lauf unbeirrt und führt die Welt zu einer "stillen Glorie".

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Zu stiller Glorie
Metapher
Aus dieser Narrenwelt
Personifikation
Die Sonne steiget einsam auf