Morgengebet

Annette von Droste-Hülshoff

unbekannt

Der Morgenstrahl bahnt flimmernd sich den Weg Durch meines Lagers dichtgeschlossne Falten, Zuckt um die Wimper mir und müht sich reg′, Mein halb noch träumend Augenlid zu spalten. Wach auf! Wach auf! die Gnadenuhr schlug an, Wach auf! die teure, teure Zeit entrann, Die Zeit, mit keinen Tränen festzuhalten!

So ist die Sonne wirklich denn am Dom Des Himmels wieder prangend aufgezogen! Und wieder steh′ ich an der Liebe Strom! Und darf auch wieder kosten seine Wogen! Nicht nahm die Nacht mich hin, noch steh′ ich nicht Vor jenem letzten schaurigen Gericht, Ach Gott! noch einmal bin ich ihm entzogen!

Und wie mir mählich das Bewußtsein kehrt, Wie aus dem Flore die Gedanken treten, Da wird erst klar mir dieser Gnade Wert. Mein Gott! am Abend meint′ ich wohl zu beten, Doch wie Gesunde tun, ach Herre mein! Sollt′ es mein letztes armes Zeugnis sein, Wie schwach, wie dürftig würd′ es mich vertreten!

So sei denn auch mein erstes Flehen wach Für jene, die nicht gleiche Huld genossen, Sie, deren Stundenglas die Nacht zerbrachn Und deren letztes Sandkorn ausgeflossen. Vor allen innig jenes sei gedacht, Der sorglos einschlief zu der letzten Nacht, In irdische Gedanken ausgegossen.

Wohl weiß ich, Herr, du bist das höchste Recht, Und, wolltest du die Warnung ihm versagen, Doch wirst getreu du sein gen deinen Knecht, Nicht Unverschuldetes ihn lassen tragen; Ich aber, die ich schwach und sündig bin Und stumpf, zu fassen deinen heil′gen Sinn, Ich kann nur denken sein in Furcht und Zagen.

Und dann mein zweites Flehen sei geweiht, Und zwar von Herzen sei′s und unbestritten, Für sie, durch die in meiner Lebenszeit Ich irgend bittre Stunden hab′ erlitten. Ach! Menscheneinsicht ist ein trüber Hauch! Doch wär′ es anders, hätt′ ich Feinde auch, So will ich denn für meine Feinde bitten.

Laß ihr Gemüt mit sich in Frieden stehn, Daß deiner Gnade Samenkorn gedeihe, Und laß sie deine starke Rechte sehn, Wenn die Versuchung ihnen naht aufs neue, Ja, kann es sein, vergönnt′s ihr ewig Heil, So werde ihnen Erdenglück zuteil, Als ihnen ich aus tiefstem Grund verzeihe!

Und nun, woran mein Herze menschlich hängt, Die Kinder mein und alle meine Lieben, Du weißt ja, wie es mich im Innern drängt, Wie ich um sie von Sorge bin getrieben; Ist mein Gefühl für sie vor allem stark, Nicht zürnst du des - es ist des Lebens Mark, Du hast es selbst in die Natur geschrieben.

So fleh′ ich denn aus aller Kraft in mir, Mach′ sie dir eigen, mach sie ganz dir eigen! Ob Glück, ob Kummer, was sie führt zu dir, Ich will mich gerne deinem Ratschluß neigen; Doch da die frische Pflanze leichter bricht, Nimm allen Mut den jungen Leben nicht; Mich laß an ihrer Statt das Schwerste beugen!

Doch ist es töricht, was mein Mund begehrt: So will ich denn auch gar nichts anders wollen, Als daß sie immer deiner Gnade wert, Und immer dir die echte Liebe zollen, Die Liebe, welche reift zu Frucht und Tat, Und also schweig′ ich blutend deinem Rat, Wenn sie zu dir durch harte Wege sollen.

Nun für mich selber fleh′ ich noch zuletzt, Die ich bedürftig bin vor andern allen. Du weißt am besten ja, wie leicht verletzt Mein Mut vor jedem Hauche mußte fallen, Und wie es mir, von jedem Schein geirrt, So schwer an deinem Blick zu haften wird, Auf deinem Weg so mühsam fortzuwallen.

Drum bet′ ich, wie du selber uns gelehrt: Herr! über meine Kraft mich nicht versuche! Laß stehn mich, wo man deinen Namen ehrt, In Ehrfurcht schweigt vor deinem heil′gen Buche; Doch, soll es sein und trifft mich kalter Spott Um deinen Ruhm, so laß, o starker Gott, Nicht furchtsam zucken meine Hand am Pfluge.

Gib, daß ich duldend trage, was mir scheint Vielleicht an andren übel und verdrossen, Daß ich viel eh′ um solche hab′ geweint, Als still gezürnt, wenn dieser Tag verflossen; Ja, ist mir heute Kränkung zugedacht, So laß mich fühlen, daß beim Schluß der Nacht Ich heut′ in mein Gebet sie eingeschlossen.

Und auch die Freuden, milder Schöpfer mein, Laß mich mit stiller Heiterkeit empfangen; Es ist dir recht, wenn sich die Deinen freun, Und lächelnd dürfen wir zu dir gelangen. Den Sonnenschein, der Blumen klare Pracht, Du hast es all zu unsrer Lust gemacht, Von deiner Liebe sind wir ganz umfangen.

Nun einmal noch, wie′s mir am Herzen liegt, Maria Mutter, laß mich dir es sagen, Du hast ja selber einen Sohn gewiegt, Und unter deinem Herzen ihn getragen, Noch einmal, liebe Gnadenmutter lind, Schau mild herab, denk an dein eignes Kind, Und segne sie, die an der Brust mir lagen!

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Illustration zu Morgengebet

Interpretation

Das Gedicht "Morgengebet" von Annette von Droste-Hülshoff ist ein tief empfundenes Gebet, das den Übergang vom Schlaf zum Wachsein als Chance zur spirituellen Erneuerung begreift. Die Dichterin nutzt den Moment des Erwachens, um Dankbarkeit für das geschenkte Leben auszudrücken und Fürbitten für andere sowie sich selbst zu sprechen. Die Struktur folgt einem inneren Monolog, der sich von der Anerkennung der göttlichen Gnade über die Sorge um andere hin zu persönlichen Bitten und abschließenden Danksagungen entwickelt. Im ersten Teil des Gedichts wird der Morgen als sanftes, fast zögerliches Eindringen des Lichts in die Dunkelheit des Schlafzimmers beschrieben. Die Dichterin erwacht mit dem Gefühl, dass jede neue Tagesstunde ein kostbares, unwiederbringliches Geschenk ist. Sie preist die Möglichkeit, noch einmal am "Strom der Liebe" Gottes zu stehen, und dankt dafür, nicht in der Nacht entschlummert zu sein und so dem "letzten schaurigen Gericht" entgangen zu sein. Diese Passage spiegelt die christliche Vorstellung vom Leben als Prüfungszeit und vom Tod als Schwelle zur göttlichen Abrechnung wider. Im zweiten Teil wendet sich die Dichterin in ihrem Gebet den Verstorbenen zu, insbesondere jenen, die unvorbereitet oder in weltlichen Gedanken versunken gestorben sind. Sie bittet um Gnade und Warnung für die Lebenden und schließt sogar ihre Feinde in ihr Gebet ein, wobei sie um Frieden für deren Gemüt und Schutz vor Versuchung bittet. Der dritte Teil des Gebets gilt ihren Kindern und Lieben; sie fleht um deren Bewahrung und Stärke, ist aber bereit, selbst Leid auf sich zu nehmen, wenn es ihnen erspart bleibt. Abschließend bittet sie um Gelassenheit gegenüber Kränkungen und um die Fähigkeit, Freuden mit Dankbarkeit anzunehmen. Das Gebet endet mit einer besonderen Fürbitte für die Jungfrau Maria, die als Mitfühlende und Fürsprecherin angerufen wird, besonders für die eigenen Kinder.

Schlüsselwörter

laß liebe wach nacht gott einmal gnade allen

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Stilmittel

Hyperbel
Die teure, teure Zeit entrann
Metapher
Sie, die an der Brust mir lagen
Personifikation
Die Nacht mich hin nahm