Morgengebet

Joseph von Eichendorff

1857

O wunderbares, tiefes Schweigen, Wie einsam ists noch auf der Welt! Die Wälder nur sich leise neigen, Als ging′ der Herr durchs stille Feld.

Ich fühl mich recht wie neu geschaffen, Wo ist die Sorge nun und Not? Was mich noch gestern wollt erschlaffen, Ich schäm mich des im Morgenrot.

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke Will ich, ein Pilger, frohbereit Betreten nur wie eine Brücke Zu Dir, Herr, übern Strom der Zeit.

Und buhlt mein Lied, auf Weltgunst lauernd, Um schnöden Sold der Eitelkeit: Zerschlag mein Saitenspiel, und schauernd Schweig ich vor Dir in Ewigkeit.

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Illustration zu Morgengebet

Interpretation

Das Gedicht "Morgengebet" von Joseph von Eichendorff beschreibt eine tiefe spirituelle Erfahrung in der Stille des Morgens. Der Sprecher fühlt sich in der Einsamkeit der Natur neu geschaffen und befreit von den Sorgen und Nöten des Alltags. Die Welt erscheint ihm wie eine Brücke, die ihn zu Gott führt, über den Strom der Zeit hinweg. Der Sprecher bittet Gott, sein Lied zu zerschmettern, falls es um weltliche Gunst und Anerkennung buhlt. Er möchte in Demut und Ehrfurcht vor Gott schweigen, anstatt seine Kunst für eitle Zwecke zu missbrauchen. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, in Ewigkeit vor Gott zu verharren. Eichendorff vermittelt in diesem Gedicht die Idee, dass die Natur ein Spiegelbild der göttlichen Ordnung ist. Die Stille und Einsamkeit des Morgens ermöglichen es dem Sprecher, eine tiefe spirituelle Verbindung zu erfahren und sich von weltlichen Sorgen zu befreien. Das Gedicht ist ein Lobgesang auf die Schönheit der Natur und die Kraft des Glaubens, die den Menschen über die Vergänglichkeit des Lebens hinaus tragen können.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Ich fühl mich recht wie neu geschaffen, Wo ist die Sorge nun und Not?
Bildsprache
O wunderbares, tiefes Schweigen
Hyperbel
Ich fühl mich recht wie neu geschaffen
Kontrast
Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
Metapher
Zu Dir, Herr, übern Strom der Zeit.
Personifikation
Die Wälder nur sich leise neigen, Als ging′ der Herr durchs stille Feld.
Symbolik
Morgenrot