Morgen

Walter Rheiner

1895

Da das Herz im Schlaf erzittert, Lunge schwebt empor. Licht erstrahlt durch Wimpern-Gitter.

Aufgedreht der Raum! Ein Chor Klarer Stimmen. Pyramide. Gläsern, Saite, klingt das Ohr.

In das Wirrsal land ich wieder. Träne netzt den Mund. Wolken schlingen sich im Liede.

Schläfe Mosaik. Wie bunt Rieselt Himmel! Nebeldach Schwärmt näher, und

Ein vergeßner Ätherbach Badet süß das Haupt. Du Verstoßner, Mensch! erwach:

- Innige Heimat, Heimat Schlafes, trunkne Heimat Dir geraubt!

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Illustration zu Morgen

Interpretation

Das Gedicht "Morgen" von Walter Rheiner beschreibt den Übergang vom Schlaf zum Erwachen als eine intensive, fast überwältigende Sinneserfahrung. Der Dichter verwendet eine reiche, bildhafte Sprache, um die Verwirrung und das Chaos des Erwachens darzustellen, wobei er den Leser durch eine Reihe von surrealen und traumhaften Bildern führt. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung der körperlichen Empfindungen beim Erwachen: das Herz zittert, die Lunge schwebt empor, und Licht bricht durch die geschlossenen Augenlider. Der Raum scheint sich zu drehen, und ein Chor klarer Stimmen erfüllt die Luft. Die Sinne sind überreizt, und das Ohr klingt wie eine Gläserne Saite. In der zweiten Strophe findet sich der Sprecher wieder im Wirrwarr des Erwachens wieder, eine Träne benetzt seinen Mund, und Wolken schlingen sich in einem Lied. Die Stirn ist ein Mosaik, und der Himmel rieselt bunt herab. Ein vergessener Ätherbach badet sanft das Haupt. Das Gedicht endet mit einem Aufruf an den "Verstoßnen Menschen", aufzuwachen und sich seiner verlorenen Heimat, der betrunkenen Heimat des Schlafes, bewusst zu werden. Die Verwendung von Begriffen wie "Innige Heimat" und "trunkne Heimat" deutet auf eine Sehnsucht nach der Geborgenheit und dem Schutz des Schlafes hin, der nun durch die Härte der Realität ersetzt wurde. Insgesamt vermittelt das Gedicht ein Gefühl der Desorientierung und des Verlustes beim Erwachen, wobei die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Die reiche, metaphorische Sprache und die surrealen Bilder schaffen eine Atmosphäre des Unbehagens und der Sehnsucht, die den Leser in die Erfahrung des Erwachens eintauchen lässt.

Schlüsselwörter

heimat herz schlaf erzittert lunge schwebt empor licht

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Stilmittel

Apostrophe
Du Verstoßner, Mensch! erwach
Metapher
Innige Heimat, Heimat Schlafes, trunkne Heimat Dir geraubt
Personifikation
Da das Herz im Schlaf erzittert