Morgen und Mittag
1776In erster Dämmrung aufgegangen Sah ich an deinen zarten Wangen Der Schönheit Morgenroth; Und sank allmächtig hingerißen Und zitternd schon zu deinen Füßen Und ehrte dein Gebot.
Und ganz in deinen Blick verloren Sah ich dich damals schon erkoren Der Liebe Königin. Und ehe du Verehrer fandest Und eines Herzen Werth verstandest, Gab ich mein Herz dir hin.
Jedweden Reiz sah ich entstehen Und konnte nur dein Auge sehen, Weil sehn noch sicher war; Und dachte nicht die süße, frohe Bescheidne, sanfte Minne drohe Der halben Welt Gefahr.
Unwiderstehlich aber wütet Der Schönheit Mittag nun, gebietet, Und Sklaven beten an. Wer darf um ihre Blicke werben? Tod folget ihnen und Verderben, Wenn man nicht hoffen kann.
So hebt sich, wenn die ersten Stralen Der Sonn’ in Gold den Osten malen, Des Persers Frühgebet, Der, wenn der Mittag ihren Wagen In heißrer Glut heraufgetragen, Erblasset, sinkt, vergeht.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Morgen und Mittag" von Heinrich Christian Boie handelt von der Verwandlung der Liebe vom Morgen bis zum Mittag, metaphorisch für den Übergang von einer sanften, unschuldigen Zuneigung zu einer überwältigenden, fast zerstörerischen Leidenschaft. Der Sprecher beschreibt, wie er in der Dämmerung, in der die Schönheit noch zart und neu ist, von der Angebeteten fasziniert und zu ihren Füßen zitternd hingerissen wird. In dieser frühen Phase der Liebe ist alles noch rein und unbeschwert, und der Sprecher gibt bereitwillig sein Herz hin, ohne die möglichen Gefahren zu erkennen. Doch mit der Zeit, symbolisiert durch den Übergang zum Mittag, wird die Schönheit übermächtig und gebieterisch. Die einst sanfte Liebe wandelt sich in eine Kraft, die unwiderstehlich wütet und befehligt. Die Angebetete wird zur Königin, deren Blicke begehrt, aber auch gefürchtet werden, da sie den Tod und das Verderben bringen können, wenn man sich ihnen nicht hingeben kann. Diese Veränderung spiegelt die Gefahr wider, die in der übermäßigen Verehrung der Schönheit liegt, und die Zerstörung, die aus unerfüllter oder unerwiderter Liebe entstehen kann. Das Gedicht schließt mit einem Vergleich zum Morgengebet des Persers, der bei Sonnenaufgang betet, aber bei der Mittagshitze erbleicht und vergeht. Dieser Vergleich unterstreicht die Vergänglichkeit und die potenzielle Selbstzerstörung, die in der übermäßigen Hingabe an die Schönheit oder die Liebe liegen können. Boie nutzt die Metapher von Morgen und Mittag, um die Entwicklung der Liebe von einer hoffnungsvollen, unschuldigen Zuneigung zu einer leidenschaftlichen, aber gefährlichen Anbetung zu beschreiben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sank allmächtig hingerißen
- Bildlichkeit
- Des Persers Frühgebet
- Hyperbel
- Und ehe du Verehrer fandest Und eines Herzen Werth verstandest, Gab ich mein Herz dir hin
- Kontrast
- Morgen und Mittag
- Metapher
- Der Schönheit Morgenroth
- Personifikation
- Die Schönheit Mittag nun, gebietet
- Symbolik
- Sonn' als Symbol für Schönheit und Macht