Morgen und Abend

Friedrich Hebbel

1842

O Morgenzeit, du frische Zeit! Des Lebens reichste Quelle! Du machst die enge Brust mir weit, Das trübe Aug′ mir helle! Mir ist, als dürft′ ich auferstehn Aus einem dumpfen Grabe, Wenn ich das erste Licht gesehn, Den Hauch getrunken habe.

Dem Teich Bethesda gleicht mein Herz Mit seinen frischen Säften, Die schwellen es zu Lust und Schmerz Mit tausend neuen Kräften: Ihr trunknes Durcheinanderspiel Erfüllt mich mit Entzücken; Ich weiß nicht was, doch will ich viel, Und alles muß mir glücken!

Allein, unendlich ist die Welt, Und, wie die Brust sich dehne, Sie fühlt′s zuletzt, und brennend fällt Die reine Menschenträne. Dann sinkt des Abends heil′ge Ruh, Als wär′s auf eine Wunde, Auf sie herab, und schließt sie zu, Damit sie still gesunde.

Des Menschen Kraft reicht eben aus Zum Kämpfen, nicht zum Siegen, Wir sollen in dem ew′gen Strauß Nicht stehn und nicht erliegen; Doch, wenn uns dies das Herz beschwert, Naht der ersehnte Schlummer, Und, ward der letzte Wunsch gewährt: Wem mach der erste Kummer?

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Illustration zu Morgen und Abend

Interpretation

Das Gedicht "Morgen und Abend" von Friedrich Hebbel thematisiert den ewigen Kreislauf von Leben, Kampf und Ruhe. Es beginnt mit einer begeisterten Morgenerwartung, die den Dichter mit neuer Kraft und Hoffnung erfüllt. Der Morgen wird als Quelle des Lebens und der Erneuerung dargestellt, die die Brust weitet und das Auge erhellt. Der Dichter fühlt sich, als ob er aus einem dumpfen Grab auferstehen könnte, wenn er das erste Licht sieht und den Hauch der Morgenluft einatmet. Das Herz des Dichters wird mit dem Teich Bethesda verglichen, der mit frischen Säften anschwillt und ihn mit Lust und Schmerz erfüllt. Die unklaren, aber starken Wünsche und Sehnsüchte des Dichters werden beschrieben, die ihn mit Entzücken erfüllen und ihm das Gefühl geben, dass alles ihm gelingen muss. Doch die Welt ist unendlich, und die Brust des Menschen dehnt sich, bis sie die Grenzen der menschlichen Kraft erkennt. Die Träne des Menschen fällt brennend, und die heilige Ruhe des Abends senkt sich wie ein Verband auf eine Wunde, um sie still heilen zu lassen. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Kraft des Menschen gerade ausreicht, um zu kämpfen, aber nicht um zu siegen. Der Mensch soll im ewigen Kampf nicht stehen und nicht erliegen. Doch wenn das Herz durch diese Erkenntnis beschwert wird, naht der ersehnte Schlummer, und der letzte Wunsch wird gewährt: Wer macht den ersten Kummer? Das Gedicht deutet an, dass der Mensch Trost in der Ruhe des Abends und im Schlaf finden kann, um sich auf den nächsten Tag und den erneuten Kampf vorzubereiten.

Schlüsselwörter

brust erste herz morgenzeit frische zeit lebens reichste

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Stilmittel

Alliteration
trankt' ich auferstehn
Bildlichkeit
Mir ist, als dürft' ich auferstehn Aus einem dumpfen Grabe
Hyperbel
Und alles muß mir glücken!
Metapher
Wir sollen in dem ew'gen Strauß Nicht stehn und nicht erliegen
Personifikation
Naht der ersehnte Schlummer
Rhetorische Frage
Wem mach der erste Kummer?
Vergleich
Dem Teich Bethesda gleicht mein Herz