Morgen Sonnet
1650Die ewig helle Schar will nun ihr Licht verschlissen, Diane steht erblaßt; die Morgenröthe lacht Den grauen Himmel an, der sanfte Wind erwacht Und reizt das Federvolk, den neuen Tag zu grüßen.
Das Leben dieser Welt eilt schon die Welt zu küssen, Und steckt sein Haupt empor, man sieht der Strahle Pracht Nun blinken auf der See: O dreimal höchste Macht Erleuchte den, der sich jetzt beugt vor deinen Füßen.
Vertreib die dicke Nacht, die meine Seel’ umgibt, Die Schmerzen Finsternis, die Herz und Geist betrübt. Erquicke mein Gemüth und stärke mein Vertrauen.
Gib, dass ich diesen Tag in deinem Dienst allein Zubring’ und wenn mein End’ und jener Tag bricht ein, Daß ich dich, meine Sonn, mein Licht, mög’ ewig schauen.
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Interpretation
Das Gedicht "Morgen-Sonnet" von Andreas Gryphius ist ein geistliches Morgengebet, das die Übergänge von Nacht zu Tag mit dem Seelenleben des Menschen verknüpft. Der lyrische Ich beginnt mit der Beschreibung der natürlichen Erscheinungen des Morgens: die Sterne verblassen, Diana verblasst, der Morgen graut und der Wind weckt die Vögel. Diese Bilder dienen als Metaphern für die Erleuchtung der Seele durch göttliche Kraft. Die Welt erwacht, und das Licht spiegelt sich im Meer, was die Schönheit und Kraft Gottes symbolisiert. Der Dichter bittet dreimal um Erleuchtung für den, der sich vor Gott beugt, was seine eigene Demut und Hingabe ausdrückt. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich der lyrische Ich direkt an Gott und bittet ihn, die Dunkelheit der Nacht und die Schmerzen, die seine Seele umgeben, zu vertreiben. Er fleht um Erquickung des Gemüts und Stärkung des Vertrauens, was seine Abhängigkeit von göttlicher Gnade unterstreicht. Der Dichter möchte den Tag im Dienst Gottes verbringen und hofft, dass er am Ende seines Lebens und am Jüngsten Tag Gott, seine "Sonn" und sein "Licht", ewig schauen darf. Dieses letzte Verlangen zeigt die Sehnsucht nach ewiger Gemeinschaft mit dem Göttlichen und die Hoffnung auf Erlösung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Apostrophe
- Erleuchte den, der sich jetzt beugt vor deinen Füßen
- Hyperbel
- O dreimal höchste Macht
- Metapher
- Meine Sonn, mein Licht
- Personifikation
- Man sieht der Strahle Pracht nun blinken auf der See