Morgane
1833Am regentrüben Sommertagen, Wenn Luft und Flut zusammenragen, Und ohne Regung schläft die See, Dann steht an unserm grauen Strande Das Wunder aus dem Morgenlande, Morgane, die berufne Fee.
Arglistig halb und halb von Sinne, Verschmachtend nach dem Kelch der Minne, Der stets an ihrem mund versiegt, Umgaukelt sie des Wandrers Pfade, Und lockt ihn an ein Scheingestande, Das in des Todes Reichen liegt.
Von ihrem Zauberspiegel geblendet, Ruht manches Haupt in Nacht gewendet, Begraben in der Wüste Schlucht; Denn ihre Liebe ist Verderben, Ihr Hauch ist Gift, ihr Kuß ist Sterben, Die schönen Augen sind verflucht.
So steht sie jetzt im hohen Norden An unsres Meeres dunklen Borden, So schreibt sie fingernd in den Dunst; Und quellend aus den luft′gen Spuren Erstehn in dämmernden Konturen Die Bilder ihrer argen Kunst.
Doch hebt sie sich nicht wie dort im Süden Auf rostigen Karyatiden Ein Wundermärchenschloß ins Blau; Nur einer Hauberg graues Bildnis Schwimmt einsam in der Nebelwildnis, Und keinen lockt der Hexenbau.
Bald wechselt sie die dunkle Küste Mit Libyens sonnengelber Wüste Und mit der Tropenwälder Duft; Dann bläst sie lachend durch die Hände, Dann schwankt das Haus, und Fach und Wände Verrinnen quirlend in die Luft.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Morgane" von Theodor Storm beschreibt die mythische Fee Morgane, die an trüben Sommertagen an den grauen Stränden erscheint. Sie ist eine verführerische, aber auch gefährliche Gestalt, die Wanderer mit ihrem Zauberspiegel blendet und in den Tod lockt. Ihre Liebe ist Verderben, ihr Atem Gift und ihr Kuss der Tod. Morgane steht im hohen Norden und schreibt mit den Fingern in den Dunst, wobei Bilder ihrer argen Kunst entstehen. Im Gegensatz zu den südländischen Wundermärchenschlössern auf Karyatiden zeigt sich bei ihr nur ein einsames Bild eines Haubergs in der Nebelwildnis, das keinen anzieht. Sie wechselt zwischen dunklen Küsten, der libyschen Wüste und den Tropenwäldern und lässt ihr Haus in der Luft verschwinden. Das Gedicht zeichnet ein düsteres Bild von Morgane als einer verführerischen, aber auch zerstörerischen Kraft der Natur. Sie verkörpert die Gefahr, die von Illusionen und falschen Versprechungen ausgeht. Storm nutzt die Gestalt der Fee, um menschliche Sehnsüchte und deren mögliche verhängnisvolle Folgen zu thematisieren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Kontrast
- bald wechselt sie die dunkle Küste
- Metapher
- Verrinnen quirlend in die Luft
- Personifikation
- Wenn Luft und Flut zusammenragen
- Symbolik
- Ihr Hauch ist Gift, ihr Kuß ist Sterben