Mondschein (2)
Aus grünlich seid′ner Wolkendecke flammte
Der weisse, märchenhelle Mond empor
Wie eine schwere, bleichgeglühte Lilie
Aus sammt′nen Frühlingsrasen silbern blüht …
Die Mondeslilie hauchte seufzend nieder
Den schwülen Athem, der mir tödlich ist,
Und den ich darum liebe – lechzend liebe,
Wie Farbenklänge, Duftmusik und all′
Die süsse Übertäubung …
Wie sein Athem
Mir in die Seele floss, zerschmolz sie mir
Zu fliederblassem Duft, und schwebte wolkig
Empor, mit weissem Mondduft sich verwebend …
Das ward ein Hauch, der süssverwirrend mir
Das Haupt berauschte … ich berauschte fiebernd
Mich an der eigenen Seele … stürzte hin,
Und kniete weinend vor der eig′nen Seele
Und vor den reinen jungen Gliedern hin,
Und allem Schönen, das sie still verschweigen.
Ich liebte mich verzehrend, und ich liebte
Mit Sehnsucht die vergang′ne Einfalt auch, –
Mit ihren scheuen, grossen Kinderblicken,
Mit ihrem leichten, flüchtigen Erröthen …
Vor allem aber liebte ich den Schmerz,
Den blassen Schmerz, der mich so namenlos
Zerwühlt in all den schlummerlosen Nächten
Und mich so elend macht …
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Mondschein (2)“ von Lisa Baumfeld ist eine tiefgründige Reflexion über Selbstliebe, Sehnsucht und die Faszination des Leidens. Es entfaltet sich in einem reichen Zusammenspiel von sinnlichen Bildern und melancholischen Emotionen, wobei der Mond als zentrales Motiv für die ersehnte und zugleich zerstörerische Kraft der Liebe und des Leids dient.
Das Gedicht beginnt mit einer beeindruckenden Naturbetrachtung, in der der Mond in Gestalt einer „schwere, bleichgeglühte Lilie“ aus der Wolkendecke emporsteigt. Diese Metapher verleiht dem Mond eine erotische und zugleich morbide Anmutung, was die ambivalente Beziehung der Sprecherin zu ihren eigenen Gefühlen ankündigt. Der „schwüle Athem“ des Mondes, der „tödlich“ ist, wird paradoxerweise „lechzend“ geliebt, was die Hinwendung zur Selbstzerstörung und zur Sehnsucht nach Schmerz andeutet. Die Sprecherin scheint in einem Zustand der Selbstvergessenheit in den Mond einzutauchen, wobei die Verschmelzung von Gefühl und Wahrnehmung zu einem Rauschzustand führt.
In der zweiten Hälfte des Gedichts verlagert sich der Fokus auf die Innenschau. Die Seele der Sprecherin „zerschmilzt“ und erhebt sich als „fliederblassem Duft“, um sich mit dem Mondduft zu „verweben“. Dieser Zustand der Auflösung und Verschmelzung gipfelt in einer Selbstbespiegelung, in der die Sprecherin sich selbst anbetet und weint. Das Knien vor der eigenen Seele und den „reinen jungen Gliedern“ deutet auf eine narzisstische Verehrung, die jedoch durch die gleichzeitige Liebe zum Schmerz und zur „vergang′ne Einfalt“ getrübt wird.
Die Verwendung von Begriffen wie „fiebernd“, „bärauschte“, „verzehrend“ und „elend“ unterstreicht die Intensität der Emotionen und die Destruktivität des Selbstbildes. Der Schmerz wird nicht nur ertragen, sondern sogar geliebt, da er eine Quelle von tieferer Erkenntnis und vielleicht auch von Identität darstellt. Die Sehnsucht nach der Kindheit, mit ihren „scheuen, grossen Kinderblicken“, zeigt das Verlangen nach Unschuld und Einfachheit, während das Erröten die noch unberührte Schönheit und Verletzlichkeit der Vergangenheit symbolisiert. Der Mond als Quelle der Inspiration und Träumerei vermischt sich mit dem Schmerz und der Selbstliebe, was letztendlich eine düstere und romantische Selbstzerstörungswelle auslöst.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.