Mondschein (1)
1895Mit mondesweissen, drängend tiefen Blicken Starrt mich die blasse Herbstnacht fragend an. - »Was ist′s? Was ist′s, dass du wie sonst nicht beben Und weinen, lächeln, träumen kannst wie sonst? Nenn′ mir dein Weh! dass ich die rothen Schmerzen In weissen Wohllaut liebend lösen mag! Mir sprachen viele - oft von ihren Schmerzen - Nenn′ mir dein Weh!«
O, weisser, weiter Mond! Das ist′s, was mich zum wilden Wahnsinn hinpeitscht, Dass ich den eig′nen Schmerz nicht nennen kann … Ist′s matter Glieder schlaffe Körperfessel? Ist′s Herzenstod und Herzensleichenfrost? Ich fühl′s so kalt in allen Fasern rieseln, Ich fühl′s erstickend die Gedanken pressen, Ich fühl′, wie′s mich zerquält, zernagt, zerfrisst … O Gott! hat diese Krankheit keinen Namen?! Und manchmal kommt mich grelles Lachen an, Weil alles Selbstbetrug ist … Wahn … Erfindung … Mein ganzes Weh ist Lüge … Lüge … Lüge … O, weisser Mond! Ich halte keuchend ein. Du träumeschweres, fremd-vertrautes Räthsel … Weisst du, wie blass die Tuberose war? In ihrem Kelch die nervenkranke Seele, War sie gewoben nicht aus Mondenschein? - - … O, weisser Mond! und warum schwand′st du damals? Was hast du mich nicht todt geküsst zuvor?
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Mondschein (1)" von Lisa Baumfeld ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit innerer Zerrissenheit und dem Gefühl der Unfassbarkeit eigenen Leids. Die Herbstmondnacht wird als fragendes Wesen personifiziert, das den lyrischen Ich mit "mondesweissen, drängend tiefen Blicken" mustert und nach dem verborgenen Schmerz fragt. Die Bitte der Nacht, "Nenn mir dein Weh", unterstreicht die Sehnsucht nach Verständnis und die Hoffnung, dass der Schmerz durch Aussprache und liebevolle Auflösung in "weissen Wohllaut" gelindert werden könnte. Doch das lyrische Ich ist nicht in der Lage, seinen Kummer zu benennen, was den emotionalen Zustand noch quälender macht. Die Unfähigkeit, den Schmerz zu benennen, wird als "wildes Wahnsinn" beschrieben, der das Ich "hinpeitscht". Es folgt eine Reihe von Fragen und Beschreibungen, die die körperliche und seelische Verfassung des Ichs umreißen: "schlaffe Körperfessel", "Herzenstod", "Herzensleichenfrost". Diese Bilder vermitteln ein Gefühl von Lähmung, Ersticken und innerem Verfall. Das Ich fühlt sich von einer unsichtbaren Krankheit gepeinigt, die es nicht zu definieren vermag, was die Verzweiflung noch steigert. Der Ausbruch "O Gott! hat diese Krankheit keinen Namen?!" verdeutlicht die Hilflosigkeit und das Gefühl der Isolation in der eigenen Not. Die abschließenden Zeilen bringen eine Wendung: Das Ich beginnt, an der Authentizität seines Leids zu zweifeln und beschreibt es als "Selbstbetrug", "Wahn" und "Erfindung". Diese Selbstreflexion mündet in den Gedanken, dass das eigene Weh "Lüge" sei, was eine tiefe innere Zerrissenheit und Selbstverleugnung offenbart. Die Erinnerung an die Tuberose und die Frage nach dem Verschwinden des Mondes fügen dem Gedicht eine nostalgische und resignative Note hinzu. Die Tuberose, gewoben aus "Mondenschein", symbolisiert eine einstige Schönheit und Zerbrechlichkeit, die nun verloren ist. Das abschließende "Was hast du mich nicht todt geküsst zuvor?" drückt einen Wunsch nach Erlösung durch den Tod aus, als letzte Antwort auf das unbenennbare Leiden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- O, weisser, weiter Mond!
- Anapher
- Ich fühl′s so kalt in allen Fasern rieseln, Ich fühl′s erstickend die Gedanken pressen, Ich fühl′, wie′s mich zerquält, zernagt, zerfrisst
- Hyperbel
- Dass ich den eig′nen Schmerz nicht nennen kann
- Kontrast
- Nenn′ mir dein Weh! dass ich die rothen Schmerzen In weissen Wohllaut liebend lösen mag!
- Metapher
- In ihrem Kelch die nervenkranke Seele
- Paradox
- Du träumeschweres, fremd-vertrautes Räthsel
- Personifikation
- Mit mondesweissen, drängend tiefen Blicken Starrt mich die blasse Herbstnacht fragend an.
- Rhetorische Frage
- Ist′s matter Glieder schlaffe Körperfessel?
- Symbolik
- O, weisser Mond!
- Wiederholung
- Nenn′ mir dein Weh!