Mondesaufgang
1860An des Balkones Gitter lehnte ich Und wartete, du mildes Licht, auf dich. Hoch über mir, gleich trübem Eiskristalle, Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle; Der See verschimmerte mit leisem Dehnen, Zerfloßne Perlen oder Wolkentränen? Es rieselte, es dämmerte um mich, Ich wartete, du mildes Licht, auf dich.
Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm, Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm; Im Laube summte der Phalänen Reigen, Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen, Und Blüten taumelten wie halb entschlafen; Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen, Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid Und Bildern seliger Vergangenheit.
Das Dunkel stieg, die Schatten drangen ein - Wo weilst du, weilst du denn, mein milder Schein? Sie drangen ein, wie sündige Gedanken, Des Firmamentes Woge schien zu schwanken, Verzittert war der Feuerfliege Funken, Längst die Phaläne auf den Grund gesunken, Nur Bergeshäupter standen hart und nah, ein düstrer Richterkreis, im Düster da.
Und Zweige zischelten an meinem Fuß Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß; Ein Summen stieg im weiten Wassertale Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale; Mir war, als müsse etwas Rechnung geben, Als stehe zagend ein verlornes Leben, Als stehe ein verkümmert Herz allein, Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.
Da auf die Wellen sank ein Silberflor, Und langsam stiegst du, frommes Licht, empor; Der Alpen finstre Stirnen strichst du leise, Und aus den Richtern wurden sanfte Greise, Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken, An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken, Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein, Drin flimmerte der Heimaltlampe Schein.
O Mond, du bist mir wie ein später Freund, Der seine Jugend dem Verarmten eint, Um seine sterbenden Erinnerungen Des Lebens zarten Widerschein geschlungen, Bist keine Sonne, die entzückt und blendet, In Feuerströmen lebt, im Blute endet - Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht, Ein fremdes, aber o! ein mildes Licht.
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Interpretation
Das Gedicht "Mondesaufgang" von Annette von Droste-Hülshoff schildert die sehnsuchtsvolle Erwartung und schließlich die erlösende Ankunft des Mondlichts in einer nächtlichen Landschaft. Die lyrische Ich-Figur lehnt am Balkon und wartet auf das "mildes Licht", das allmählich die Dunkelheit durchbricht und eine Atmosphäre der Melancholie und Selbstreflexion schafft. In den ersten Strophen beschreibt die Dichterin die Umgebung in düsteren, fast beunruhigenden Bildern. Der Himmel erscheint wie "trübes Eiskristall", der See schimmert unklar, und um die wartende Person herum "rieselte" und "dämmerte" es. Diese Stimmung der Unsicherheit und des Wartens wird durch die Wiederholung des Satzes "Ich wartete, du mildes Licht, auf dich" verstärkt. Die zweite Strophe führt eine tiefere emotionale Ebene ein. Die Natur wird als Spiegel innerer Zustände dargestellt: Die Feuerfliegen und Blüten symbolisieren vergängliche Schönheit, während das "Herz zum Hafen" treiben eine Metapher für das Streben nach innerem Frieden und die Auseinandersetzung mit "Glück und Leid" und "Bildern seliger Vergangenheit" ist. Die aufkommende Dunkelheit in der dritten Strophe verstärkt das Gefühl von Bedrohung und Selbstanklage, wobei die Natur zu einem "düsteren Richterkreis" wird. Die endgültige Erscheinung des Mondes in der vierten Strophe bringt eine transformative Wende. Das "Silberflor" auf den Wellen und das sanfte Aufsteigen des Mondes verändern die Atmosphäre von bedrohlich zu tröstlich. Die "richter" Alpen werden zu "sanften Greisen", und die Natur erscheint in einem neuen, friedlichen Licht. Der abschließende Vergleich des Mondes mit einem "späten Freund" und einem "mildes Licht" für den "kranken Sänger" unterstreicht die Rolle des Mondes als Quelle der Inspiration und des Trostes, ohne die überwältigende Intensität der Sonne.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Bist keine Sonne, die entzückt und blendet,
- Personifikation
- Der seine Jugend dem Verarmten eint,
- Vergleich
- Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht,