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Mittagszauber

Von

Im Garten wandelt hohe Mittagszeit,
der Rasen glänzt, die Wipfel schatten breit;
von oben sieht, getaucht in Sonnenschein
und leuchtend Blau, der alte Dom herein.

Am Birnbaum sitzt mein Töchterchen im Gras;
die Märchen liest sie, die als Kind ich las;
ihr Antlitz glüht, es ziehn durch ihren Sinn
Schneewittchen, Däumling, Schlangenkönigin.

Kein Laut von außen stört; ′s ist Feiertag –
nur dann und wann vom Turm ein Glockenschlag!
Nur dann und wann der mattgedämpfte Schall
im hohen Gras von eines Apfels Fall!

Da kommt auf mich ein Dämmern wunderbar,
gleichwie im Traum verschmilzt, was ist und war:
die Seele löst sich und verliert sich weit
ins Märchenreich der eignen Kinderzeit.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Mittagszauber von Emanuel Geibel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Mittagszauber“ von Emanuel Geibel beschreibt eine idyllische Szene in einem Garten, die durch die Ruhe und das Spiel von Licht und Schatten eine besondere Atmosphäre erzeugt. Der Dichter beobachtet seine Tochter, die vertieft in Märchen liest. Diese Beobachtung löst bei ihm eine tiefe emotionale Reaktion aus, in der Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen. Die Strophen bauen eine sanfte Spannung auf, beginnend mit der Beschreibung der äußeren Umgebung und kulminierend in der inneren Erfahrung des Dichters.

Die erste Strophe etabliert die Szenerie: die hohe Mittagszeit, das glänzende Gras, die schattenspendenden Wipfel und der in Sonnenschein getauchte Dom. Diese Beschreibung vermittelt ein Gefühl von Wärme und Weite. Die Nennung des Doms, eingebettet in die Natur, deutet auf eine Verschmelzung von weltlichen und religiösen Elementen hin, was die Atmosphäre der Kontemplation und des Friedens verstärkt. Die Sonne und das Blau des Himmels werden als Elemente der Harmonie hervorgehoben, die eine perfekte Kulisse für die folgende Szene bilden.

Die zweite Strophe fokussiert sich auf das Töchterchen des Dichters, das im Gras sitzt und Märchen liest, die der Dichter selbst in seiner Kindheit gelesen hat. Dies etabliert eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Kindheit und Erwachsensein. Die Beschreibung ihres „glühenden Antlitzes“ und die Nennung von Märchenfiguren wie Schneewittchen und Däumling lassen auf eine lebendige Vorstellungskraft und das Eintauchen in eine andere Welt schließen. Diese Szene stellt einen direkten Kontrast zur äußeren Ruhe und Stille dar.

Die dritte Strophe vertieft die Ruhe der Szene. Die Stille wird nur durch den Glockenschlag des Turms und den fallenden Apfel unterbrochen. Diese wenigen Geräusche, die als „mattgedämpfter Schall“ beschrieben werden, verstärken sogar das Gefühl der Stille und des Friedens. Die Verwendung von „Feiertag“ unterstreicht die besondere Atmosphäre und die Abwesenheit von Ablenkungen, was die perfekte Umgebung für das Eintauchen in die Welt der Fantasie schafft.

In der letzten Strophe erreicht das Gedicht seinen Höhepunkt mit der inneren Erfahrung des Dichters. Ein „Dämmern wunderbar“ setzt ein, eine Metapher für ein Gefühl des Träumens oder der Versunkenheit. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen, und die Seele des Dichters „löst sich“ und verliert sich in der „eignen Kinderzeit“. Das Gedicht endet mit der Beschreibung einer Reise in die Welt der Kindheit, der Märchen und der Fantasie, die durch die Beobachtung der Tochter ausgelöst wurde. Das Gedicht ist somit ein Loblied auf die Fantasie und die Macht der Erinnerung.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.