Mitgefühl

Sophie Friederike Brentano

1806

Wer nicht, voll reiner Menschenhuld, mit rascher, schöner Ungeduld, der Brüder tiefes Leiden sieht, und tätig es zu lindern glüht;

Der, dessen Herz nicht höher schlägt, von Mitempfindung süß bewegt, wenn, von des Glückes Hauch belebt, die Freude fremde Busen hebt:

Und flög′ sein Nam′ im Lichtgewand des Ruhmes über Meer und Land, und ordnete sein Herrscherblick von Millionen das Geschick;

Und hätte ihm des Schicksals Hand der Gaben schönste zugesandt: das Glück, geliebt zu sein - gebricht ihm dies Gefühl - ich neid′ ihn nicht!

O Mitgefühl, der Menschheit Glück! was trocknete den nassen Blick was hielt′ an der Verzweiflung Rand zurück, wär′s nicht der Freundschaft Hand?

Sei ewig, ewig heilig mir! Schon manche Freude dank′ ich dir. Weint einst mein Aug′ in Mißgeschick, so tröste mich dein Engelblick!

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Illustration zu Mitgefühl

Interpretation

Das Gedicht "Mitgefühl" von Sophie Friederike Brentano handelt von der Bedeutung von Mitgefühl und Empathie für das menschliche Glück und die Verbundenheit der Menschen. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung einer Person, die mit "reiner Menschenhuld" und "rasender Ungeduld" das Leiden ihrer Mitmenschen sieht und aktiv versucht, es zu lindern. Es geht um das tiefe Gefühl der Mitempfindung, das das Herz höherschlagen lässt, wenn man die Freude anderer Menschen wahrnimmt. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Vorstellung eines mächtigen Herrschers präsentiert, der Ruhm, Reichtum und Macht besitzt. Doch dem Gedicht zufolge fehlt dieser Person das wichtigste Gut - das Mitgefühl. Ohne dieses Gefühl ist all der äußere Glanz wertlos. Der Sprecher des Gedichts beneidet diesen Herrscher nicht um seinen Besitz. Im letzten Teil des Gedichts wird das Mitgefühl als "der Menschheit Glück" bezeichnet. Es wird als tröstende Hand beschrieben, die den Blick trocknet und an der Verzweiflungsgrenze Halt gibt. Der Sprecher dankt dem Mitgefühl für die Freude, die es ihm gebracht hat, und bittet es darum, ihn auch in schweren Zeiten mit seinem "Engelblick" zu trösten. Insgesamt betont das Gedicht die zentrale Bedeutung von Mitgefühl und Empathie für das menschliche Glück und die Verbundenheit der Menschen. Es zeigt, dass äußerer Reichtum und Macht ohne diese inneren Werte leer und wertlos sind. Das Mitgefühl wird als tröstende und erhebende Kraft dargestellt, die den Menschen in guten wie in schlechten Zeiten beisteht.

Schlüsselwörter

freude hand glück ewig voll reiner menschenhuld rascher

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Stilmittel

Alliteration
Mitgefühl, der Menschheit Glück
Bildsprache
süß bewegt
Hyperbel
von Millionen das Geschick
Kontrast
Wer nicht, voll reiner Menschenhuld, / mit rascher, schöner Ungeduld
Metapher
des Ruhmes Lichtgewand
Parallelismus
O Mitgefühl, der Menschheit Glück! / was trocknete den nassen Blick / was hielt′ an der Verzweiflung Rand / zurück, wär′s nicht der Freundschaft Hand?
Personifikation
des Glückes Hauch belebt
Rhetorische Frage
was trocknete den nassen Blick / was hielt′ an der Verzweiflung Rand
Symbolik
Freundschaft Hand
Wiederholung
ewig, ewig heilig mir