Mit zwei Worten

Conrad Ferdinand Meyer

1892

Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag, “London?” frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag. “London!” bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag, Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.

Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt. Meer und Himmel. “London?” frug sie, von der Heimat abgekehrt, Suchte, blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt, Nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendglut verzehrt…

“Gilbert?” fragt die Sarazenin im Gedräng der großen Stadt, und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat. “Tausend Gilbert gibt′s in London!” Doch sie sucht und wird nicht matt “Labe dich mit Trank und Speise!” Doch sie wird von Tränen satt.

“Gilbert!” “Nichts als Gilbert? Weißt du keine andern Worte? Nein?” “Gilbert!” … “Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein- Den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein - Dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein!”

“Pilgrim Gilbert Becket!” dröhnt es, braust es längs der Themse Strand. Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt, Über seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand. Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.

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Illustration zu Mit zwei Worten

Interpretation

Das Gedicht "Mit zwei Worten" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt die Geschichte einer Sarazenin, die aus Palästina nach London reist, um ihren Geliebten Gilbert Becket zu finden. Die Sarazenin fragt unermüdlich nach London und findet schließlich ein Schiff, das sie dorthin bringt. In London angekommen, sucht sie weiterhin nach Gilbert, trotz Spott und Gleichgültigkeit der Menschen. Schließlich wird sie von der Menge erkannt und als die Sarazenin, die Gilbert aus der Sklaverei befreit hat, bekannt gemacht. Das Gedicht endet damit, dass Gilbert sie an seiner Haustür empfängt und die Liebe als etwas darstellt, das mit nur zwei Worten über weite Entfernungen reisen kann. Die Sarazenin ist eine starke und entschlossene Frau, die bereit ist, alles für die Liebe zu opfern. Sie lässt sich nicht von der Schwierigkeit der Reise oder der Gleichgültigkeit der Menschen entmutigen. Ihre unerschütterliche Suche nach Gilbert zeigt die Kraft der Liebe und die Fähigkeit, Hindernisse zu überwinden. Das Gedicht vermittelt die Botschaft, dass wahre Liebe keine Grenzen kennt und in der Lage ist, Entfernungen und kulturelle Unterschiede zu überwinden. Die Verwendung von nur zwei Worten, "London" und "Gilbert", unterstreicht die Einfachheit und Reinheit der Liebe der Sarazenin. Diese Worte werden zu Symbolen ihrer unerschütterlichen Entschlossenheit und ihres Glaubens an die Macht der Liebe. Das Gedicht zeigt, dass manchmal die einfachsten Dinge im Leben die größte Bedeutung haben können und dass wahre Liebe in der Lage ist, selbst die größten Herausforderungen zu meistern.

Schlüsselwörter

gilbert london tag frug sarazenin nimmer meer becket

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein
Anapher
Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag, "London?" frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.
Kontrast
Doch sie sucht und wird nicht matt "Labe dich mit Trank und Speise!" Doch sie wird von Tränen satt.
Metapher
Meer und Himmel
Personifikation
Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.
Rhetorische Frage
"Gilbert?" fragt die Sarazenin im Gedräng der großen Stadt
Wiederholung
"London!" bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag, Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.