Mit Gewitterfurcht in den Rippen

Max Dauthendey

1925

Der Berg ist vom Gewitter umlauert, der Fluß steht fest wie angemauert. Fluß und Abend und Berg erwarten den flatternden Ritter, Den ersten Frühlingsblitz, von dem der Efeu im Garten Im Vorgefühl schon rauschend erschauert. Auf der Pappelinsel im Fluß flüchten die Amseln scheu, Als ob bald die Insel im Blitzstrahl versinken muß, Fällt der wie ein Schuß aus den Bergen ins Tal. Dann, mit Gewitterfurcht in den Rippen, Hält manche die Lippen hin zum ersten Kuß.

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Illustration zu Mit Gewitterfurcht in den Rippen

Interpretation

Das Gedicht "Mit Gewitterfurcht in den Rippen" von Max Dauthendey vermittelt eine dichte, atmosphärische Stimmung, in der Natur und menschliche Emotionen eng miteinander verwoben sind. Die Szenerie ist von Spannung und Erwartung geprägt: Der Berg wird vom Gewitter "umlaufen", der Fluss erstarrt regungslos, und alles – Fluss, Abend, Berg – wartet auf den "flatternden Ritter", den ersten Frühlingsblitz. Diese Personifizierung des Blitzes als Ritter unterstreicht seine dynamische, fast heroische Rolle im Gedicht. Die Natur reagiert bereits im Vorfeld auf das bevorstehende Gewitter: Der Efeu im Garten beginnt zu rauschen, die Amseln auf der Pappelinsel flüchten ängstlich, als ob die Insel im nächsten Moment im Blitzstrahl versinken könnte. Der Vergleich des Blitzes mit einem Schuss verstärkt die plötzliche, gewaltsame Wirkung des Naturereignisses. Diese Bildsprache erzeugt eine Atmosphäre von Bedrohung und Erwartung, die die natürliche Welt in Aufruhr versetzt. Im abschließenden Vers verbindet sich die äußere Naturgewalt mit der inneren, menschlichen Erfahrung. Die "Gewitterfurcht in den Rippen" ist nicht nur ein Gefühl der Angst, sondern auch eine Metapher für die aufgewühlten, elektrisierenden Emotionen, die den ersten Kuss begleiten. Der Kontrast zwischen der äußeren Bedrohung und der inneren Leidenschaft verdeutlicht, wie intensiv und unvergesslich solche Momente sein können. Das Gedicht endet auf einer Note der Intimität und des Neubeginns, symbolisiert durch den ersten Kuss im Frühling, der gleichzeitig den ersten Blitz begleitet.

Schlüsselwörter

fluß berg ersten gewitter umlauert steht fest angemauert

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Fluss und Abend und Berg erwarten
Bildsprache
Im Vorgefühl schon rauschend erschauert
Hyperbel
Als ob bald die Insel im Blitzstrahl versinken muß
Metapher
Dann, mit Gewitterfurcht in den Rippen
Personifikation
Der Berg ist vom Gewitter umlauert, der Fluß steht fest wie angemauert.
Symbolik
Hält manche die Lippen hin zum ersten Kuß
Vergleich
der Fluß steht fest wie angemauert