Mit den Schuhen

Rudolf Borchardt

1877

Was man will, kann man nicht geben, und man gibt nur, was man muss, also gibt man einen Kuss und man gäbe gern das Leben.

Also gibt man einen Strauß statt des Gartens um ein Haus, gibt das Buch als den Entgelt für die Weisheit aller Welt,

drängt den Ring an einen Finger, schlingt die Kette um den Hals, - alles nur ein wie geringer Abschlag auf die Schuld des Alls!

Jenes Alls, in dem man ist, Wenn man eine liebt - wer der Gabe Sinn vergisst, was hat er, was er gibt?

Alle Gabe ist nur Sinn und Bild in einer Hülle. Seit ich fühle alle Fülle, weiß ich erst, wie arm ich bin!

Mach mich du, geliebtes Kind zum reichsten von den Leuten! Sieh nicht an, was Gaben sind nur an, was sie bedeuten!

Für das ganze Feld die Ähre, für den Himmel nimm den Stern, und mich selbst für was ich gern um Deinetwillen wäre!

Diese Hände mit den Schuhn - fühle, was sie nur vertreten, sieh nicht, was sie eben tun, nur was sie lieber täten!

Nimm sie so, wie ich sie sende denn sie meinen, Süße - lieber legt’ ich beide Hände unter deine Füße!

Zwar sie stehn für keine Gabe - dennoch sei das Spiel verziehn! Alles ist ja nur geliehn, solang ich dich nicht habe.

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Illustration zu Mit den Schuhen

Interpretation

Das Gedicht "Mit den Schuhen" von Rudolf Borchardt handelt von der Unfähigkeit, das zu geben, was man wirklich will, und der symbolischen Natur aller Gaben. Der Sprecher gibt nur, was er muss, wie einen Kuss oder einen Strauß Blumen, anstatt des ganzen Gartens. Er erkennt, dass alle Gaben nur ein "wie geringer Abschlag auf die Schuld des Alls" sind und dass der Sinn der Gabe oft vergessen wird. Der Sprecher fühlt sich arm, obwohl er die Fülle des Lebens erkennt, und bittet das geliebte Kind, ihn zum reichsten der Leute zu machen, indem es den Sinn der Gaben erkennt, nicht nur ihren materiellen Wert. Er vergleicht dies mit dem Nehmen einer Ähre für das ganze Feld oder eines Sterns für den Himmel und gibt sich selbst für das, was er um der Geliebten willen sein möchte. Im letzten Abschnitt bezieht sich der Sprecher direkt auf seine Hände und Schuhe, die er der Geliebten anbietet. Er bittet sie, nicht darauf zu achten, was die Hände gerade tun, sondern was sie lieber tun würden, nämlich ihre Hände unter die Füße der Geliebten zu legen. Dies symbolisiert die totale Hingabe und Unterwerfung unter die Geliebte. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass alles nur geliehen ist, solange die Geliebte nicht ganz dem Sprecher gehört.

Schlüsselwörter

gibt gabe also gern alls sinn alle fühle

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Seit ich fühle alle Fülle
Bildsprache
Also gibt man einen Strauß statt des Gartens um ein Haus
Hyperbel
und man gäbe gern das Leben
Kontrast
Nimm sie so, wie ich sie sende denn sie meinen, Süße - lieber legt' ich beide Hände unter deine Füße!
Metapher
Alles ist ja nur geliehn, solang ich dich nicht habe
Personifikation
Diese Hände mit den Schuhn - fühle, was sie nur vertreten
Rhetorische Frage
wer der Gabe Sinn vergisst, was hat er, was er gibt?
Symbolik
Mach mich du, geliebtes Kind zum reichsten von den Leuten
Wiederholung
Alles nur ein wie geringer Abschlag auf die Schuld des Alls!