Mit den Besiegten

Hedwig Lachmann

1865

Preist Ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden - Ich will indessen, in den Staub gebückt, Erniedrigung mit den Besiegten leiden.

Geringstes Volk! verpönt, geschmäht, verheert Und bis zur Knechtschaft in die Knie gezwungen - Du bist vor jedem stolzeren mir wert, Als wär’ mit dir ich einem Stamm entsprungen!

Heiss brennt mich Scham, wenn das Triumphgebraus Dem Feinde Fall und Untergang verkündet, Wenn über der Zerstörung tost Applaus Und wilder noch die Machtgier sich entzündet.

Weit lieber doch besiegt sein, als verführt Von eitlem Glanz - und wenn auch am Verschmachten, Und ob man gleich den Fuss im Nacken spürt - Den Sieger und das Siegerglück verachten!

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Illustration zu Mit den Besiegten

Interpretation

Das Gedicht "Mit den Besiegten" von Hedwig Lachmann handelt von einer tiefen Solidarität mit den Verlierern und Unterdrückten. Die Sprecherin distanziert sich von den Siegern und ihrem Ruhm und entscheidet sich stattdessen dafür, die Erniedrigung der Besiegten zu teilen. Sie sieht in den Geringsten, den Verpönten und Geschmähten einen größeren Wert als in den Stolzen und Mächtigen. Die Scham brennt in ihr, wenn sie das Triumphgeschrei und den Applaus über die Zerstörung hört, die von den Siegern angerichtet wurde. Sie verachtet die Gier nach Macht und den eitlen Glanz der Sieger. Die Sprecherin bevorzugt es, besiegt zu sein, als sich von der Verführung des Siegerruhms leiten zu lassen. Sie möchte lieber am Verschmachten sein und den Fuß der Unterdrücker im Nacken spüren, als den Sieger und sein Glück zu bewundern. Dies zeigt eine starke Ablehnung gegenüber dem System der Unterdrückung und Ausbeutung. Die Sprecherin identifiziert sich mit den Besiegten und lehnt die Werte der Sieger ab. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Botschaft der Empathie und Solidarität mit den Schwachen und Unterdrückten. Es kritisiert die Glorifizierung von Macht und Sieg und plädiert stattdessen für eine Gesellschaft, in der die Würde und der Wert jedes Einzelnen anerkannt werden, unabhängig von seinem Status oder seiner Position. Die Sprecherin wählt bewusst die Seite der Besiegten und verachtet die Sieger und ihr Streben nach Macht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
eitlem Glanz
Hyperbel
verachten
Kontrast
besiegt sein... verachten
Metapher
Fuss im Nacken
Personifikation
Machtgier sich entzündet