Mißdeutung

August Wilhelm von Schlegel

1819

A.

Der Bundestag hat wie ein Leu gebrüllt. Seid ihr von Grausen, Deutsche, nicht erfüllt? Macht euch gefaßt auf unerhörte Dinge! Er geht umher und sucht, wen er verschlinge.

B.

Nicht doch! Es war kein Brüllen, wie ihr wähnt. Der Bundestag hat nur sehr laut gegähnt; Denn auf der Bärenhaut der Protokolle Sich wälzend, spielt er schlafend seine Rolle.

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Illustration zu Mißdeutung

Interpretation

Das Gedicht "Mißdeutung" von August Wilhelm von Schlegel ist eine satirische Kritik an der deutschen Nationalversammlung nach der Revolution von 1848. In der ersten Strophe wird die Versammlung als mächtiger Löwe dargestellt, der umherstreift und nach Beute sucht. Dies könnte als Anspielung auf die Angst vor einer möglichen autoritären Herrschaft interpretiert werden. Die zweite Strophe entlarvt diese Angst als unbegründet. Der "Brüll" des Bundestages war lediglich ein lautes Gähnen, was auf die Ineffektivität und Lethargie der Versammlung hindeutet. Der Verweis auf die "Bärenhaut der Protokolle" könnte die bürokratische Natur der Versammlung symbolisieren, während das "Schlafspiel" ihre Unfähigkeit, wirkungsvolle Entscheidungen zu treffen, verdeutlicht. Insgesamt zeigt das Gedicht die Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen Bedrohung durch die Nationalversammlung und ihrer tatsächlichen Bedeutungslosigkeit auf. Schlegel kritisiert die politische Lethargie und die Unfähigkeit der Versammlung, die Probleme der Zeit anzugehen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Auf der Bärenhaut der Protokolle
Hyperbel
Macht euch gefaßt auf unerhörte Dinge!
Ironie
Nicht doch! Es war kein Brüllen, wie ihr wähnt.
Metapher
Der Bundestag hat wie ein Leu gebrüllt.
Personifikation
Der Bundestag hat nur sehr laut gegähnt