Minnesänger

Klaus Groth

1835

Das Laub beginnet fallen, Und Winter naht mit Macht. Ergeht an dich die Frage: Was hast du für dich bracht?

Hast du der rothen Äpfel? Hast du der süßen Birn? Hast du voll goldner Halme Die Scheuern bis zur Firn?

Hast Hölzer auf dem Boden? Im Keller süßen Trunk? Dann fürcht dich nicht zu sehre, Fürrath hast du genung.

Ich sah die Liljen blühen, Dazu die Heideblum, Die Nachtigall im Walde Die sang des Maien Ruhm.

Da blühte mein Gemüthe Allauf aus schwerem Leid, Gemahnte mitzusingen Des Maien Herrlichkeit.

Und sangen wir selbander, Frau Nachtigall und ich. Da nahm sie aber Flügel Und flog zum Himmelrich.

Und flog zum blauen Himmel, Sah fröhlich allumher, Und flog zu neuen Blumen Gen Süden über Meer.

Nun stand ich fast betroffen Und rief: Frau Muhme, halt! Da stand ich ganz alleine Zu singen in dem Wald.

Es fehlt mir sehr an Schwingen, Sonst flög ich gerne mit, Sonst flög ich mit gen Süden, Wenn ich zwei Flügel hätt.

Ich habe schier versäumet Der Früchte einzufahn. Doch der die Liljen kleidet, Wird mich nicht durfen lan.

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Illustration zu Minnesänger

Interpretation

Das Gedicht "Minnesänger" von Klaus Groth beschäftigt sich mit den Themen der Vergänglichkeit, der Natur und der menschlichen Sehnsucht. Der Sprecher reflektiert über die vergehende Zeit, symbolisiert durch das fallende Laub und den nahenden Winter. Es werden Fragen nach den Früchten der eigenen Arbeit gestellt, die den materiellen Ertrag des Jahres symbolisieren. Der Sprecher jedoch hat sich nicht um diese irdischen Güter gekümmert, sondern stattdessen die Schönheit der Natur und der Liebe erlebt. Der zweite Teil des Gedichts schildert die Erfahrung des Sprechers mit der Nachtigall, die als Symbol für die reine, ungebundene Natur steht. Der Sprecher fühlt sich inspiriert und blüht auf, singt gemeinsam mit der Nachtigall. Doch dann verlässt die Nachtigall ihn, fliegt davon in den Himmel und in den Süden. Der Sprecher bleibt allein zurück, ohne Flügel, um ihr folgen zu können. Er bedauert, dass er sich nicht um die materiellen Früchte gekümmert hat, vertraut aber darauf, dass Gott, der die Lilien kleidet, auch für ihn sorgen wird.

Schlüsselwörter

hast flog süßen sah liljen nachtigall maien frau

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Stilmittel

Aufzählung
Hast du der rothen Äpfel? Hast du der süßen Birn? Hast du voll goldner Halme Die Scheuern bis zur Firn?
Frage
Ergeht an dich die Frage: Was hast du für dich bracht?
Kontrast
Ich sah die Liljen blühen, Dazu die Heideblum, Die Nachtigall im Walde Die sang des Maien Ruhm.
Metapher
Doch der die Liljen kleidet, Wird mich nicht durfen lan.
Personifikation
Und sangen wir selbander, Frau Nachtigall und ich.