Michel Angelo Buonarotti

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1847

Deiner Brust hat die güt′ge Natur nicht den Frieden gegeben, Der, wie der Frühling so zart, alles erheiternd verjüngt. Du verschmähest den sanften Verkehr mit dem Genius, zürnend Stürmest, Titanen gleich, du in den Himmel empor.

Nicht wie zu Sanzio geheim in der Stunde der Weihe die Gottheit Niederstieg, und sein Herz ruhig im Schaun sich gestillt, Du hast im Rosenduft den schöpfrischen Gott nicht gefunden, Nur in dem Riesengebäu seiner Planeten erkannt.

Hier verfolgtest du ihn mit alldurchdringlichem Scharfblick, Und nicht die Poesie seines unendlichen Werks, Aber das große Gesetz und die ew′ge organische Ordnung Fandest du auf und hast′s kühn und gewaltig zersetzt.

Der Verstand ist dein Gott, ein anatomischer Newton, Wolltest du Nahrung für ihn, wo sie in Strömen erquillt Wie du dem eigenen Herzen Tyrann warst, und dem Gemüthe Harter Gebieter, so giebst auch dem Gemüthe du nichts.

Zärteres widert dich an, du willst die gigantische Wahrheit, Die das zaubrische Reich holder Gefühle verlacht. Staunen nur magst du erwecken, das Uebrige dünkt dir zu kindisch, Thorheit dünkt′s dir, geliebt, Weisheit, bewundert zu sein.

Ungeheuer bist du. Nur die wilde Erscheinung der Geister Ohne das lindernde Maaß trieb und begeisterte dich, Ja der erhabenen Kraft in deinem Busen gefiel nur Wie der Gedanke, so auch Form und Natur kolossal.

Deiner männlichen Brust erschien der Schöpfer nur furchtbar, Wie er voll Allmacht der Welt einst sich zu bilden gebot. Weibern Feind und ihren Gespielen, der Anmuth und Zartheit, Kümmert′s dich nicht, daß dich selbst furchtsam die Grazien fliehn.

Sanftmuth kennet er nicht und Liebe, Demuth und Duldung Findet da keinen Raum, wo nur der Stolz sich erhebt. Ja, von allen Ideen, die Gottes Wesen begründen, Dünkt ihm die Kraft nur, die Macht göttlich und herrlich zu sein.

Also thürmt′ er die Kuppel der Basilik′ in die Lüfte, Schuf er den Moses, und so selber den Heiland der Welt, Also malt′ er das jüngste Gericht und die großen Propheten, Um, wie kein Sterblicher je, dreifach unsterblich zu sein.

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Illustration zu Michel Angelo Buonarotti

Interpretation

Das Gedicht "Michel Angelo Buonarotti" von Wilhelm Friedrich Waiblinger interpretiert das Leben und Werk des Renaissance-Künstlers Michelangelo und stellt ihn als einen Titanen der Kunst dar, der unermüdlich nach gigantischer Wahrheit strebt. Waiblinger beschreibt Michelangelo als einen Menschen, der den Frieden und die sanfte Genialität ablehnt und stattdessen mit stürmischer Energie in den Himmel emporsteigt. Er vergleicht ihn mit einem Titanen, der die Gottheit nicht in der Zartheit und dem Duft des Frühlings findet, sondern in der gewaltigen Ordnung der Planeten. In den folgenden Strophen betont Waiblinger, dass Michelangelo den Verstand als seinen Gott betrachtet und sich selbst zum Tyrannen seines Herzens und Gemüts macht. Er verschmäht die zärtlicheren Aspekte des Lebens und strebt nach der gigantischen Wahrheit, die das Reich der Gefühle verlacht. Michelangelo ist ein Ungeheuer, getrieben von der wilden Erscheinung der Geister und der Idee von Form und Natur als kolossal. Das Gedicht endet mit einer Beschreibung von Michelangelos Werken, wie der Kuppel der Basilika, dem Moses und dem Jüngsten Gericht. Waiblinger betont, dass Michelangelo sich selbst zum Heiland der Welt gemacht hat und dreifach unsterblich sein möchte. Das Gedicht zeichnet das Bild eines Künstlers, der von der Kraft und Macht besessen ist und die sanfteren Aspekte des Lebens und der Kunst ablehnt.

Schlüsselwörter

dünkt brust natur hast gott gemüthe kraft welt

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Um, wie kein Sterblicher je, dreifach unsterblich zu sein
Metapher
Also thürmt′ er die Kuppel der Basilik′ in die Lüfte
Personifikation
Nicht wie zu Sanzio geheim in der Stunde der Weihe die Gottheit Niederstieg
Vergleich
Der, wie der Frühling so zart, alles erheiternd verjüngt